Ente tot

Bedenkt, den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod des andern muss man leben.

Mascha Kaléko

Vor ein paar Wochen kam meine Freundin mit einem Entenküken in einem Pappkarton nachhause. Sie hatte es in einem Naturschutzgebiet vor dem sicheren Tod gerettet, denn es steckte rücklings im Schlick fest. Das Küken war noch ganz klein, und erschöpft von einem möglicherweise stundenlangen Todeskampf. Wir haben es dann als Findling aufgenommen und es aufgepäppelt. Rotlichtlampe, Wärmeflasche und eine Badegelgenheit organisiert, jede Menge Zeitungen auf meinen Teppichen ausgebreitet.

Und obwohl es uns nie als seine „Eltern“ angenommen hat, so habe ich doch die Ahnung, dass es uns mochte. Und wir haben uns rührselig um es gekümmert. Es nahm einen ganz wichtigen Platz in unser aller Leben ein, und wir genossen es auch ein wenig, ein, mit der wissenschaftlichen Sprache unserer aktuellen Studienzeit ausgedrückt, „normatives Projekt“ zu haben – das Überleben dieses kleinen Wesens.
Gestern ist es gestorben. Nicht urplötzlich, sondern ganz langsam. Es sah sehr angestrengt aus. Zuerst konnte es sich nur noch schwerfällig bewegen, verlor die Kontrolle über sich (und damit auch die Furcht vor uns. Oder nur die Möglichkeit, diese Furcht durch lautes Fiepsen und Flügelchenschlagen bemerkbar zu machen.) Es starb ganz leise in zitternden menschlichen Händen, und es hinterließ eine Leerstelle, die wohl lange schmerzen wird. Es hatte weder einen richtigen Namen gehabt, noch hat es jemals die Freiheit eines gewöhnlichen Entendaseins genossen. Es konnte nicht einmal fliegend auf unsere kleine Welt hinab blicken. Wir haben es heute beerdigt.

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