Kultursommer 2007

In unserem Provinznest findet jährlich nahezu unbemerkt vom Umland ein sensationelles Kulturfestival statt. Draußen und beinahe gratis. Morgen geht’s los!

Während die Breminale dieses Jahr vorerst ihr Ende gefunden hat, zeigt der Kultursommer in Oldenburg, dass es auch anders geht. Das erfolgreiche Kulturfestival blickt heute auf eine lange Geschichte zurück, in der aber wechselnde Veranstalter gewisse Konzessionen eingegangen sind. So waren beispielsweise früher alle Veranstaltungen im Rahmen des Kultursommers gratis. Und schon damals war es ziemlich egal, welche Präferenzen man bezüglich eines kulturellen Events mitbrachte, denn stets ließ sich für so gut wie jeden Geschmack auch ein passendes Angebot finden. Im Jahr 2002 aber mussten sich auch die Macher des Kultursommers der Diktatur des „Sachzwanges“ unterwerfen: Ähnlich wie aktuell bei der Breminale stellten damals massive Kürzungen das ganze Projekt direkt ins Abseits.

 

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In Oldenburg aber sprang dem untergehenden Festival das etablierte Kulturzentrum „Kulturetage“ zur Seite und übernahm kurzerhand das Ruder. Mit frischem Wind in den Segeln und einem besseren finanziellen Hintergrund konnte der Kultursommer nun neue Dimensionen annehmen und Fehlfarben, Adam Green, Calexico, Tomte, Blumfeld und andere tolle Bands sowie viele internationale KünstlerInnen präsentieren.

 

Mit dem Wechsel der Veranstalter wurde auch der finanzielle Hintergrund des Festivals neu organisiert. Gegenwärtig spielen dort Gelder von Sponsoren und die öffentliche Hand die Hauptrolle. Letztere deckt mit ihren großzügigen Zuschüssen von 80.000€ wohl etwa ein Drittel der Gesamtkosten ab. Der Kultursommer zählt inzwischen auch für die Stadt zu den etablierten Veranstaltungen, was den Vorteil hat, dass der jährliche Zuschuss nicht jedes Mal neu verhandelt werden muss, denn er ist bis 2011 garantiert. Der budgetierte Jahreshaushalt für den Bereich Kultur beträgt in Oldenburg übrigens etwa 11 Millionen Euro, wovon ungefähr die Hälfte in das hiesige Staatstheater fließt. Im Provinznest an der Hunte haben die „Kulturmanager“ eben eine ganz spezielle Vorstellung davon, welche Kunst förderungswürdig ist.

 

Dass aber trotzdem noch genügend Mittel für ganz andere, beziehungsweise neue Projekte übrig sind wird einem dabei stets glaubhaft versichert. Man merkt das auch an der weitläufigen, obgleich manchmal etwas versteckten jungen Künstlerszene in Oldenburg. Auch diese hat gleichwohl die Chance, sich auf dem Kultursommer zu präsentieren: Sympathieträger wie Lack of Limits, Regicide, Yalla Yalla Movement, Ça Roule! oder Rapalje bearbeiten von den Open-Air Bühnen des Kultursommers herab die Gehörknöchelchen ihres jeweiligen Publikums.

 

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Um die Kosten zu decken reichen die Gelder der Sponsoren und der Steuerzahler natürlich nicht und an Profit ist nur durch Getränkeverkauf allein auch nicht zu denken. Und so ist es zwar ärgerlich, aber vielleicht doch immer noch das kleinste Übel, dass nun vereinzelte Termine kostenpflichtig sind. Netterweise halten sich die Preise aber, bis auf wenige Ausnahmen, in den Grenzen des Verträglichen. Den Großteil der Events kann man ja immer noch für lau haben. Und an manchen Tagen stellt allein schon die Entscheidung für oder wider eine bestimmte Veranstaltung eine Herausforderung dar, denn alle kann man ja leider wegen der zeitlichen Überschneidungen nicht sehen.

 

So breit das Spektrum an kulturellen Sparten auch ausgefächert ist, so lässt einen das Programm doch etwas vermissen. So kommt die Publikumsbeteiligung beim Kultursommer viel zu kurz. Beispiel: Man kann nicht an dem tollen Vorlesewettbewerb teilnehmen, denn die Kontrahenten werden eigens vom Team des Kultursommers ausgesucht. Außerdem gibt es auch keine politischen Themen, möglicherweise weil man fürchtet, durch langweilige Podiumsdiskussionen und Vorträge das ein oder andere sonnige Gemüt zu verdüstern. Das so entstandene, klaffende Loch wird allerdings mit allerfeinsten Gratiskonzerten aufgefüllt.

 

Out- & Indoor treten diesen Sommer um die 50 Bands auf. Eine Stichprobe: Reggae von Nosliw & Band, Jazz & Pop von e.s.t. aus Schweden, Hip Hop von Gipfeltrrreffen, Rock von Midlake aus den USA, Comicmusik mit den Salamandroids, Funk & Soul mit Starfish Coffee. Und auch für kunstbeflissene Anhänger von Ausstellungen und Literatur gibt es allerhand zu entdecken. In den historischen Gebäuden der ehemaligen Festungsanlagen Oldenburgs findet die Keramikausstellung „Fabula Rasa“ statt, auf dem Schlosshof findet der berühmte Töpfermarkt statt dazu kommen verschiedene Lesungen im Schlossgarten, z.B. die Grusel-, Fantasy- und Erotiknächte.

 

In der Innenstadt lässt es sich übrigens gerade zur Zeit des diesjährigen Kultursommers ganz besonders gut flanieren. Dafür gibt es einen besonderen Grund: Oldenburg blüht auf! Die Oldenburger Traumgärten sind mit sieben großen Gärten und fünf „Innenstadtoasen“ am Start. Wenn es beim Open-Air Konzert zu heiß wird kann man einfach eine Siesta im botanischen Garten halten. Außerdem präsentieren die Veranstalter der Traumgärten ebenfalls ein sattes Programm aus Lesungen, Theater- & Musikdarbietungen, Besichtigungen und Führungen.

 

Die Besucher können während des ganzen Festivals in der historischen Innenstadt umherwandern. Von vormittags bis spät in die Nacht finden überall Veranstaltungen statt, die man nach Gutdünken besuchen kann. Die umliegenden Parkanlagen laden zum Enten füttern und im Schatten dösen ein und werden nachts teilweise illuminiert.

Kultursommer

12. Juli – 5. August 2007

Programm & Infos unter www.kulturetage.de

Traumgärten

2. Juni – 18. August 2007

Rahmenprogramm unter www.oldenburg.de

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  1. MuGo

    Ähm, also ich finde es ein bisschen mies, dass du der Stadt vorhälst, die Hälfte ihres Kulturetats für das Staatstheater zu opfern. Denn ohne diesen Zuschuss könnte das Theater wohl kaum dreizügig bleiben. Und wie man es dreht und wendet: Vom Staatstheater profitiert die ganze Kunstszene in Oldenburg. Es ist halt wirklich ein „kultureller Leuchtturm“…

  2. Gemessen am bundesdeutschen Durchschnitt sind die Ausgaben aber unverhältnismäßig hoch. Außerdem müssen kleinere Projekte wie das „Mobile Kino“ darunter leiden, und wegen mangelnder Förderung möglicherweise schließen.
    Ich will nicht sagen, dass das Theater die Zuschüsse „nicht verdient“ hat – ich will nur aufzeigen, dass das Oldenburger Kulturmanagement eben tendenziell eine bestimmte Kunstrihtung für förderungswürdig hält.

  3. MuGo

    Das ist ja leider nichts neues in der BRD…




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