Wozu Nachhaltigkeitsforschung?

Die simpelste Darstellung eines zeitlichen Verlaufes könnte so aussehen: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Dieser Moment ist die Gegenwart, in ihm ist die komplette Vergangenheit enthalten und die beiden ergeben zusammen die Zukunft. Jetzt getroffene Entscheidungen und ausgeführte Handlungen mögen zwar von der Vergangenheit beeinflußt sein, aber sie werden dennoch dafür sorgen, dass sich die Zukunft an ihnen ausrichtet.

Die Wissenschaft untersucht alles. Geschichtswissenschaften beschäftigt sich bekanntlich mit der Vergangenheit. Aber auch in vielen anderen Wissenschaften werden Daten aus der Vergangenheit gesammelt und ausgewertet, zum Beispiel in der Statistik. Die Lern- und Problemlösungsprozesse aller Disziplinen unterscheiden sich sehr und sind heute schon so unüberschaubar, dass es nicht mehr möglich ist, ein/e Universalgelehrte/r zu werden, wie etwa dieser interessante Mensch hier:

Gottfried Wilhelm von Leibniz (*1646; †1716), ein Universalgelehrter.

Das ist Gottfried Wilhelm von Leibniz (*1646; †1716), einer der letzten Universalgelehrten – vielleicht sogar der letzte. Leibniz hat unter anderem behauptet, dass die Welt der Gegenwart die beste aller möglichen sei. Damit meinte er nicht, dass es von hier an nur noch abwärts gehen kann, sondern dass die Gegenwart alle Möglichkeiten für eine zukünftige Entwicklung bereit hält.

Damit hat Leibniz einen schwierigen Bereich angesprochen. Wie kann man sich über zukünftige Projektionen Sicherheit verschaffen? Die Gesamtheit des bisherigen Verlaufes der Geschichte zu nehmen und die einfach fortzuschreiben dürfte nicht funktionieren. Schließlich ist Geschichte kein folgerichtiger Prozess, sondern so komplex, dass man die Zukunft nicht einfach so aus der Vergangenheit ableiten kann.

Die Menschen wirken gerade in diesem Augenblick auf unfassbar vielfältige Weise auf sich selbst, die Umwelt, den ganzen Planeten und das Universum ein. Nicht nur, dass Menschen miteinander interagieren, sie tun dies auch noch mit ihrer Umgebung! Die sozialen, biosphärischen und universellen Auswirkungen spotten noch immer jeder Rechenkunst, auch der elektronischen. Es geht ausserdem auch nicht nur darum, was Menschen mit der Atemluft anrichten, sondern auch darum, wie es kommt, dass Menschen ganze Landstriche verlassen müssen (Link führt zu der Aufzeichnung einer hörenswerten Radiosendung), nur weil sich die Erdhülle um ein paar Grad aufheizt.

Tatsächlich müssen nicht nur physikalische und chemische Daten aufgenommen, ausgewertet und extrapoliert werden. Vielmehr müssen auch moralische (nicht unbedingt ethische) „Daten“ erhoben und in die Zukunft projeziert werden. Um das zu packen, erinnern sich die Menschen manchmal an den hier:

Das ist Immanuel Kant (*1724; †1804), einer der die europäische Ideengeschichte als Philosoph und politischer Denker sehr stark beeinflußt hat. Und dass, obwohl er sich sein ganzes Leben nur in Königsberg aufgehalten hat. Kant hat mal gesagt:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Das Zitat kennen eigentlich alle Menschen – in irgendeiner Weise. Es bildet eine Grundlage der Zivilisation, die jedes Kind in einer abgewandelt Form mit dem Satz „Was du willst man dir nicht tu, das füg‘ auch keinem andern zu“ eingeimpft bekommt. Das was Kant da gesagt hat, unterscheidet sich aber etwas von diesem kleinen Merksatz. Denn in dem oben genannten „Kategorischen Imperativ“ ist von „wollen können“ und „allgemeinem Gesetz“ die Rede. Diese Formulierung nehmen vorweg an, dass man die Folgen des eigenen Handelns erstens einzuschätzen vermag und zweitens diese so weit in die Zukunft projezieren kann, dass der handlungsleitende Gedanke ruhig auch ein eigenes Gesetz werden darf.

Ganz schön schwierig, sich in jeder Situation an diesen Gedanken zu erinnern. Ausserdem ist das auch nicht ganz unproblematisch, schließlich bewertet man sein eigenes Verhalten ja ganz individuell. Also vielleicht findet man auch, dass es ein allgemeines Gesetz werden sollte, sich möglichst verräterisch und korrupt zu verhalten, weil man selbst daraus den besten Profit schlagen kann. Besser wäre also ein neuer und ausserdem bitteschön auch etwas einfacherer Imperativ, der alle auf die gleiche Weise in die Pflicht nimmt. Wie wäre es mit: „Handle stets so, dass es eine Zukunft geben kann“?

Naja, Zukunft wird es vielleicht immer geben, da haben unsere Handlungen nicht so viel mit zu tun. Der Zeit ist es schließlich ganz egal, ob wir überhaupt handeln oder nicht. Die nächste Sekunde, Minute oder Stunde bricht sowieso an. Also muss der Imperativ an ein Subjekt gebunden werden. Und weil sich gerade kein besseres Subjekt anbietet, nehmen wir dafür doch einfach die Menschheit. Das hat sich auch dieser Mensch hier gedacht:

Das ist Hans Jonas (*1903; †1993), ein jüdischer Philosoph deutscher Herkunft, der in einem dicken Schmöker folgenden Gedanken versteckt hat:

„Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“

Klingt schon wieder kompliziert, aber so sind sie nun mal, die Philosophen. Dahinter steckt aber der schöne Gedanke, dass das, was zukünftig sein wird, heute noch nicht existieren muss, um ein Gegenstand unseres Denkens, Wollens, Urteilens und Handelns zu sein. Dass heißt, dass die nachfolgenden Generationen ein Recht zu leben haben, dass du nicht verspielen darfst.

Und was hat das ganze mit Wissenschaft zu tun? Warum brauchen wir bitteschön die Geschichtswissenschaften, die Philosophie, Chemie, Biologie, Physik, Ökonomie, Mathematik, Soziologie, Geologie, Astronomie und die ganzen anderen teuren Einrichtungen dafür? Es kommt doch darauf an, dass man etwas tut, und nicht nur drumrum redet, oder? Nein, eben nicht. Um unsere Gegenwart verstehen zu können, müssen wir über unseren eigenen privaten Tellerrand hinausblicken können, und dabei helfen uns die Wissenschaften. Jede auf eine eigene und jeweils unersetzliche Art und Weise. Gleichzeitig ist der Mensch überraschend, unergründlich und nicht-vorhersagbar. Zukünftige Erfindungen können auch nicht jetzt schon bedacht werden, was die ganze Sache noch etwas schwieriger macht … Die Nachhaltigkeitsforschung hat für diese elementaren Probleme natürliche keine Patentlösung zur Hand. Was sie aber versuchen kann, ist, die Ergebnisse der unterschiedlichen Wissenschaften zusammenzunehmen und sie in einer insgesamt auszuwerten. Diese interdisziplinäre Gesamtschau könnte, mit den Skills der Medienwissenschaften gekoppelt, beispielsweise eine übersichtliche Darstellung unserer Gegenwart ergeben.

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