„Aktion wider den undeutschen Geist“

Heute haben sich bereits viele soziale und berufliche Gruppen mit ihrer eigenen Rolle während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft auseinandergesetzt. Sogar das BKA ist dabei. Es geht dabei aber nicht darum, die Geschichte im Sinne einer „Vergangenheitsbewältigung“ abzuwickeln, sondern sich für das im eigenen Namen geschehene Unrecht „politisch verantwortlich“ zu zeigen. Diese Verantwortung besteht nicht gegenüber einer objektiven Vernunft oder Autorität (zum Beispiel „Gott“) – sie nimmt dich gegenüber dem „Zustand der Welt“ in die Pflicht, der durch individuelle und gemeinsame Handlungen beeinflusst werden kann. Die Erinnerung an ein Ereignis wie die Bücherverbrennung kann ein Zeichen der politischen Verantwortung sein – sie muss dafür aber von einer sich verantwortlich fühlenden Gruppe übernommen werden. Hannah Arendt konkretisierte den Begriff der politischen Verantwortung vor 40 Jahren in einem Vortrag:

Ich muß verantwortlich gehalten werden für etwas, was ich nicht getan habe. Und der Grund für meine Verantwortlichkeit muß meine Mitgliedschaft in einer Gruppe (einem Kollektiv) sein, die kein willentlicher Akt von meiner Seite aus lösen kann, das heißt, eine Mitgliedschaft, die gänzlich anders ist als eine Geschäftsbeziehung, die ich durch meinen Willen lösen kann. (Die komplette Übersetzung des ursprünglich englischsprachigen Vortrages gibt es hier.)

Die Bücherverbrennung vor 75 Jahren wurde ganz maßgeblich durch Studenten und Professoren initiiert. Am 12. April 1933 begannen die „Reinigungen“ mit dem Anschlag der zwölf „Thesen“ an vielen deutschen Universitäten. Einen Eindruck von der Reichweite der dort niedergeschriebenen Diskriminierungen und Forderungen erhält man durch die 11. These:

„Wir fordern die Auslese von Studenten und Professoren nach der Sicherheit des Denkens im deutschen Geiste.“

Möglicherweise hat Bundespräsident Horst Köhler nicht ganz unrecht, wenn er die Bücherverbrennungen als eine Vorstufe zum Holocaust einordnet – wenngleich sich die Ursprünge der Massenvernichtung bestimmt nicht auf die studentische Forderung nach einer „Reinerhaltung der deutschen Sprache“ (Vgl. These 9) und des „deutschen Geistes“ reduzieren lassen. Das factum brutum der studentischen Beteiligung an diesen Aktionen und der direkten Verbrennung von Büchern sowie die zunehmende freiwillige Gleichschaltung der Intellektuellen noch vor dem Beginn der eigentlichen Terrorherrschaft muss meines Erachtens eine besondere Erinnerungskultur an diese historischen Ereignisse in der politisch verantwortlichen Gruppe bewirken. In einem Interview mit Günter Gaus unterstrich Hannah Arendt diese eigene Betroffenheit:

Das Problem, das persönliche Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten. Was damals in der Welle von Gleichschaltung, die ja ziemlich freiwillig war, jedenfalls noch nicht unter dem Druck des Terrors, vorging: Das war, als ob sich ein leerer Raum um einen bildete. Ich lebte in einem intellektuellen Milieu, ich kannte aber auch andere Menschen. Und ich konnte feststellen, daß unter den Intellektuellen die Gleichschaltung sozusagen die Regel war. (Zum vollständige Transcript.)

Was kann man aus der freiwilligen Gleichschaltung folgern? Meines Erachtens macht die Intellektualität in besonderer Weise für Totalitarismen empfänglich. Dieses Phänomen hat nicht durch einen rein biologischen Generationswechsel aufgehört zu existieren. Der eben schon angesprochene Günter Gaus brachte diese Ansicht in einem anderen Kontext zur Sprache, indem er dem Soziologiestudenten Rudi Dutschke 1967 vorhielt:

Sie sind ideologiefähig. (Das vollständige Transcript gibt’s hier.)

Wahrscheinlich stimmt das, denn auch die revoltierenden Studenten der „68er“ haben Verbrechern wie dem „Großen Vorsitzenden“ Mao Tse-tung zugejubelt und dessen Verbrechen ausgeblendet. Es ist eine Chance des neuen Jahrtausends, auf die „Ideologiefäigkeit“ der Intellektuellen zu reagieren und die Brutalität der Gelehrtenrepublik zu historisieren. Durch angemessene Formen des Gedenkens (nicht durch die Zurschaustellung einer moralischen Gesinnung) entsteht die Möglichkeit eines menschlicheren Umgangs mit sich selbst und allen Anderen. Was findet am 75. Jahrestag der Bücherbrennung statt?

Nicht viel. Es gibt fast keine studentischen und nur wenige generell universitäre Veranstaltungen zu dem Thema. An der HU Berlin befasst man sich am morgigen 10. Mai, dem historischen Datum des Höhepunktes der Bücherverbrennung, in vielfältigen politischen Gedenkveranstaltungen mit der Bücherbrennung. In Niedersachsen hat die Georg-August Universität in einer Kooperation mit der Stadt und der jüdischen Gemeinde Göttingen eine Ausstellung mit dem Namen „und euch zum trotz!“ gemacht, die am 11. April eröffnet wird. In Oldenburg gibt es nur eine Veranstaltung – ein kostenpflichtiges Kabarettprogramm, das sich irgendwie an Heinrich Heine anlehnen möchte. Das kann man kaum als ein angemessenes Gedenken bezeichnen …

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  1. Meines Erachtens macht die Intellektualität in besonderer Weise für Totalitarismen empfänglich.

    Sehe ich auch so, die Frage ist nur, warum. Ich denke, bei vielen Intellektuellen ist ein gewisser Elitarismus vorhanden, der auch dazu führt, die Menschen bekehren zu wollen. Und da ist man dann schon – nicht zwangsläufig, aber oft – in der Nähe des Totalitären.

  2. Ich sehe das so ähnlich wie du, auch wenn ich denke, dass es heute etwas anderes ist als noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals sehnten die deutschen Intellektuellen den Ersten Weltkrieg beinahe herbei und begrüßten ihn sehr, als er endlich da war. Die „Zwischenkriegszeit“ war vielen eine dumpfe Wartezeit – und zu Hitler fielen manchem, zum Beispiel Martin Heidegger, ungeheuer komplexe und weit über dem Gewöhnlichen schwebende Dinge ein. Sie schlossen sich dem Nationalsozialismus nicht aus Überlebensnotwendigkeit an, sondern freiwillig.

    Wie gesagt glaube ich nicht, dass etwas ähnliiches heute noch möglich ist. Selbst die Historiker, die sich in der NS-Zeit sehr früh und gern gleichgeschaltet haben (bspw. um Blut-und-Boden Ideologien quasi-historisch-volkskundlerisch zu untermauern), entfalten heute kritische Potentiale und zerschmettern geläufige Mythen. Ein Beispiel ist der Oldenburger Historiker Thomas Etzemüller, der die zeitgenössischen Ängste um das „Aussterben der Deutschen“ wegen niedriger Geburtenraten dekonstruiert ( http://www.single-generation.de/themen/thema_thomas_etzemueller_ein_ewigwaehrender_untergang.htm ).

    Und trotzdem bleibt ein „Risiko“ bestehen. Dass Bildung allein vor totalitärem nicht schützen kann, beweist der Umgang der gesamten europäischen Öffentlichkeit mit aktuellen Fragen um die Diktatur in China, die sich schon lange auf dem Weg vom politisch linken ins rechte Lager befindet und in der ideologische, ethnische und soziale Konflikte viel zu groß sind, als dass man von der Chance einer politischen Subversion durch so etwas lächerlich-kommerzielles wie die Olympiade sprechen könnte. Dennoch versuchen auch sogenannte intellektuelle Mitbürger, das Sportereignis unter der Deckmantel angeblicher Veränderung-durch-Annäherung doch stattfinden zu lassen.

    Ich weiß nicht, wodurch sich der Sog des Totalitarismus auf die Intellektuellen des 20. Jahrhunderts erklären lässt. Möglicherweise lässt sich meine Hypothese, dass dieser Sog nicht mehr so stark ist wie im vergangenen Jahrhundert, gar nicht belegen – immerhin gibt es keine totalitären Regime mehr (nur noch Diktaturen).




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