Erster Europäischer Tag der Meere

Eigentlich hat die Globalisierung erst eingesetzt, als die Menschen in der Lage waren, den Globus von außen zu betrachten. Von dort aus erscheint unsere Erde als der „blaue Planet“ – Wasser ist der Ausgangspunkt allen Lebens. Menschen können nicht mehr als ein paar Tage ohne frisches Wasser überleben. Moderne Zivilisationen verbrauchen aber viel mehr Wasser, als für das rein körperliche Überleben notwendig wäre. Gleichzeitig fassen die Bewohner der „entwickelten Welt“ die Wasserversorgung als gegebene Leistung der anonymen Infrastruktur auf. Die Vereinigten Staaten, einer der größten Wasserkonsumenten der Welt, hat seinen Verbrauch im Laufe der letzten 100 Jahre exponentiell vermehrt. In den 35 Jahren zwischen 1950 und 1985 hat sich deren Wasserverbrauch allein verdreifacht, von 34 Billionen Gallonen pro Tag zu ca. 90 Billionen Gallonen pro Tag. Bis 1990, also im Laufe von nur 5 Jahren, ist diese Zahl auf 339 Billionen Gallonen pro Tag hochgeschnellt. Einer der Hauptgründe ist das (exponentielle) Bevölkerungswachstum.

Es gibt viele Wasserreservoirs auf der Welt. Nur leider ist das meiste Wasser ungenießbar, also Salzwasser. Dieses Salzwasser befindet sich im größten Wasserspeicher der Erde: den Weltmeeren. Der größte Teil dieser Meere hängt zusammen. Die Nord- ist mit der Ostsee verbunden, diese beiden hängen mit dem Atlantischen Ozean, der in weiten Teilen in den Pazifik und den Indischen Ozean übergeht. Die Trennung zwischen den Meeren ist eine menschliche Imagination – und wenn man sich mit Problemen wie der Verschmutzung von Meeren befasst, dann macht es Sinn, sich diese vielen Verbindungen der Meere untereinander vor Augen zu halten. Es gibt außerdem auch sehr komplexe Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Reservoirs – Meerwasser wird zu Regenwasser, Regenwasser wird zu Grundwasser, … selbst die Biosphäre ist ein nennenswertes Wasserreservor. Das Frischwasser macht bei all dem nur einen Bruchteil der weltweiten Vorkommen aus, nämlich 4,04 Prozent. Aus der folgenden Abbildung kann man entnehmen, wie sich das Frischwasser auf der Welt verteilt.

(Quelle: Grotzinger, Jordan (2007): Understanding Earth, Fifth Edition, New York, S. 402.)

Die Wasserknappheit führt im Moment vor allem dazu, dass Menschen in Regionen mit schwacher Infrastruktur und niedrigem Technologie-Level zu leiden haben. Dabei verbrauchen sie selbst nur einen geringen Teil der weltweiten Reserven. Gleichzeitig haben die Länder, deren Wirtschaftsform die größten Umweltkosten nach sich zieht, überhaupt keine Probleme mit der Wasserversorgung. Dadurch dringt die Wasserfrage in die Sphäre der Politik ein, vor allem weil die Wissenschaften und NGOs dort Einfluss ausüben können. Andere Sphären, wie zum Beispiel die Wirtschaft, verschließen sich systematisch vor äußerem Einfluss und weisen diesen aus ideologischen Gründen von sich.

Die insgesamt zunehmende, fortschrittliche Nutzung des Wassers zieht aber auch andere negative Folgen nach sich. Gerade eben wurde gezeigt, dass zum Beispiel die Umweltkosten einer industriell arbeitenden Wirtschaft weit höher sind als die einer Subsistenzwirtschaft. Der Wasserverbrauch ist in den Industriestaaten um ein vielfaches höher als in den so genannten Entwicklungsländern, wie aus der folgenden Abbildung zu entnehmen ist.

(Quelle: http://www.uni-leipzig.de/~grw/lit/texte_100/130_2006/WaWiEinSS2006.pdf, Zugriff: 08.07.08.)

Diese Ungleichverteilung ist nicht durch lokale Steuern zu lösen, weil sich die Menschen heute nicht aussuchen können, wo auf der Erde sie geboren werden. Die globale Klassenlotterie ist ein ungerechter Verteilungsmechanismus und ergibt sich indirekt aus der kapitalistischen Produktion. Die Ungleichverteilung ist keine Folge irgendwelcher korrupter Regime in den so genannten Entwicklungsländern. Sie folgert aus dem ungleichen Handeln und Denken in der „entwickelten Welt“ – denn eigentlich wäre genug Reichtum und auch Technologie da, um die Güter (Wasser ist auch eines) fair zu verteilen.

Kurz gesagt ist unser Forschritt deren Untergang. Ein weiteres Beispiel ist der anthropogene Klimawandel, für den sich die westliche Welt verantwortlich zeichnet. Der Klimawandel geht zu einem nicht unerheblichen Teil auf die hohen Umweltkosten der Industrialisierung im Europa und Nordamerika des 19. und 20. Jahrhunderts zurück. Was heute von sich entwickelnden Ländern in die Luft gepustet wird, wirkt sich wegen der hohen Verzögerungsrate der Umweltschäden erst viel später aus. Durch ihn erhält die Frage der Trinkwasserknappheit eine neue Dramatik. Der globale Klimawandel kann zu einer Reduzierung der Regenfälle auch in Europa führen. Die Verwüstung weiter Flächen Spaniens ist schon heute auch eine Folge der klimatischen Veränderungen, aber auch der Betonierung und der Abholzung.

Wasser wird dringend benötigt. Auch als Lebensraum für viele unterschiedliche Lebewesen. Nicht nur Meerespflanzen und Tiere, von der Alge bis zum Wal, hängen von den Meeren ab. Auch Zugvögel, Mangroven und Korallen sind durch menschliches Handeln bedroht. Dabei ist nur ein Teil der Biodiversität bekannt und durch den Menschen entschlüsselt – jedes Aussterben und Zurückgehen einer Art kann unmittelbare und mittelbare Folgen für das Zusammenwirken in einem Ökosystem haben. Dabei muss man sich, wie gesagt, vor Augen halten, dass die Meere ein weltumspannendes Ökosystem sind. Von der Tiefsee wissen wir weniger als von der Mondoberfläche. Am ersten Europäischen Tag der Meere kann dieses vielschichtige Thema öffentlich diskutiert werden – allerdings versucht man es zum Beispiel in Niedersachsen nur mit einer Selbstbeweihräucherung. Der Umweltminister Hans-Heinrich Sander zieht sogar eine positive Bilanz: „In den vergangenen Jahren ist die Nährstoffbelastung der Nordsee durch Einträge über die Flüsse stetig zurückgegangen.“ Tatsächlich ist die Belastung durch Schwermetalle zurückgegangen. Auf diesem klitzekleinen Erfolg darf sich die Nordsee aber nicht ausruhen, schließlich will der Konzern RWE Dea im Nationalpark Wattenmeer Öl fördern – ohne Rücksicht auf dieses wichtige Rückzugsgebiet bedrohter Vogelarten. Es gibt auch alte Probleme, die ohne Wimpernzucken ausgehalten werden, und zwar nur deshalb, weil die herrschende Klasse es so will. Die repräsentativen Urlaubshäuser der reichsten Deutschen auf der Insel Sylt und anderen Nordseeinseln werden durch Jahr für Jahr Sandaufspülungen und Betonierungen vor dem Untergang gerettet – auf Staatskosten. Und so sieht es aus, was da vor dem Meer beschützt wird:

Mit dem Themenkomplex Meere sind so vielfältige Probleme verbunden, dass es keinen Sinn macht, sich allein auf ein Konzept zu stützen. So ist es zum Beispiel nicht sinnvoll, Meerwasserentsalzungsanlagen durch die Verbrennung von Kohle und Gas mit Elektrizität zu versorgen. Für die Trinkwasserversorgung, die Fischerei und auch die Bebauung gibt es nachhaltige Lösungen – die aber auch wahrgenommen und durchgesetzt werden müssen. Man darf auch die rechtlichen Fragen nicht allein den Marktgesetzen überlassen, denn diese sind auf dem ökologischen und dem sozialen Auge blind (wem gehört also das Meer ausserhalb dieser 12-Seemeilen Zone – den Menschen?). In den Uni und im Handelsblatt ist es Konsens, dass die Politik die Wirtschaft trotz ihrer Verteilungsdefizite nicht lenken darf. Ich kann das ehrlich gesagt nicht verstehen. Denn wir überlassen unserer Regierung wichtige Kompetenzen, zum Beispiel die Entscheidung darüber, gegen wen wir in den Krieg ziehen. Politische Akteure, die mich in einer repräsentativen Demokratie nach Innen und Außen vertreten dürfen, sollen auch die Umweltressourcen beschützen, aus denen sich einige wenige gratis bedienen. Darf sie aber nicht. Aus dieser Doppelbödigkeit, an der weiß-Gott-wer Schuld ist, leite ich die Forderung ab, dass umwelt- und menschenfeindliche Wirtschaftspraktiken durch (internationales) Recht verboten werden müssen.

Neben dem Ruf nach einschränkenden Gesetzen ist es aber wichtig, dass auch der Verbraucher sich über die Herkunft eines Fisches, die Produktionsbedingungen von Shrimps, die eigene Schuld an der Naturzerstörung und vieles weitere informieren. Die „Geiz ist Geil“-Attitüde der KonsumentInnen ist ein wesentlicher Grund für unsere Probleme – denn die Umweltproblematiken sind unsere Probleme! Der Natur ist es schnurz, wenn sie stirbt. Aber uns nicht, wir sterben mit.

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