Bergen-Belsen, das schmutzigste aller Konzentrationslager unter sanften Heidehügeln

Jewish Memorial

Das jüdische Mahnmal, fotografiert von George.

Unter sanften Hügeln, die von blühendem Heidekraut überwachsen sind, liegen die Leichen von zehntausenden rassisch, politisch und grundlos Verfolgten und Ermordeten. Mit einem Seminar aus dem geschichtswissenschaftlichen Institut der Uni Oldenburg habe ich das ehemalige Konzentrationslager Bergen-Belsen besucht. Um 8.00h früh fuhren wir in Oldenburg los und kamen nach zwei Stunden Busfahrt vor dem Eingang der Gedenkstätte an. Wir hatten etwas Zeit, bis unsere Führung beginnen sollte, also sahen wir uns zur Vorbereitung einen Film 30 minütigen an, der aus den Aufnahmen des britischen Militärs zusammengeschnitten war. Ich gebe hier einen Teil der Geschichte des Konzentrationslagers wieder und schildere meine Eindrücke von dem Tag in der Gedenkstätte

Der Film, den wir uns zu Beginn unserer Exkursion ansahen, hat eine besondere Vorgeschichte. Die Briten haben das Konzentrationslager am 15. April 1945 befreit. An diesem Tag gab es dort nur noch ca. 40 Männern und Frauen der deutschen SS, die das Lager umstellt hatten, um die Gefangenen an der Flucht hindern. Die Zustände im Lager spotteten jeder Beschreibung, es gab tausende Leichen, die in Haufen aufeinander lagen und stanken. Die Menschen hungerten und litten unter den Seuchen im Lager. Noch unter britischen Kommando starben etwa 10.000 Menschen an den Folgen der Haft. Auch hatte man Schwierigkeiten, die Toten unter die Erde zu bringen. Man setzte damals Bulldozer ein, um die Verstorbenen zu ihren Massengräbern zu schaffen. Der Kameramann berichtete, dass er sich ein mit Benzin getränktes Taschentuch vor’s Gesicht halten musste, um den Gestank ertragen zu können.

Unser Seminar hat sich im Besonderen mit Zeitzeugenberichten auseinandergesetzt. Unsere Führung wurde von der Honorarkraft Frau Kramer geleitet. Frau Kramer brachte uns in der Führung die ehemalige Gefangene Renata Laqueur näher, die während ihrer Haft 1943-45 im Lager Tagebuch geführt hatte. An einzelnen Plätzen im Lager haben wir Zitate aus dem Tagebuch gehört, in denen Renata den jeweiligen Ort beschrieben hat. Kurz vor der Befreiung notierte Renata:

Das Wetter ist unfreundlich, regnerisch. Über dem Lager hängt der widerliche Geruch von Kohlsuppe, Fäulnis und Verwesung, und hin und wieder trägt der Wind den Brandgeruch des Krematoriums herüber.

Doch die Befreiung sollten Renata und tausende weitere „besondere Häftlinge“ nicht mehr erleben. Weil sie den „Feinden“ nicht in die Hände fallen sollten, wurden sie in zwei Zügen aus dem Lager evakuiert. Der Zug, in dem sich Renata Laqueur befand, verließ das Konzentrationslager am 10. April 1945. Von nun an fuhr sie mit dem Zug durch das zerfallende Deutsche Reich und konnte keinem Bahnhof mehr halten, weil es keine mehr gab. Rückblickend beschreibt sie die Ereignisse im Zug in ihrem Tagebuch (pdf):

Ich saß eingezwängt zwischen anderen, und die Nacht war dunkel und drohend. Weit hinauf am Himmel leuchtete roter Feuerschein, es mußten die Folgen von Flugzeugbombardements sein.

Der Zug wurde nach einer zweiwöchigen Fahrt von der Roten Armee gestoppt und die Gefangenen befreit. Dies war das Ende des Lagers Bergen-Belsen.

Von den Erlebnissen Renatas und ihren Mitgefangenen ist in der Gedenkstätte vieles rekonstruiert, und doch bleibt ein seltsamens Gefühl. Wenn man sich heute zu Fuß auf dem Gelände der Gedenkstätte fortbewegt, dann fühlt man sich wie ein Flaneur in einer norddeutschen Parklandschaft. Die Strukturen des Lagers sind nur noch schemenhaft zu erkennen. Dort schaut noch das Fundament einer Baracke durch das Grab. Auf einer Lichtung findet man das alte Schwimmbecken, in dem SS-Männer und Frauen baden konnten. Durch ein Zelt werden die Grundmauern der alten Entlausungsanlage vor der Witterung geschützt. Die weite Heidelandschaft stellt eine leere Fläche dar, auf die eigene Imaginationen projeziert werden können. Der Film, den man im Vorfeld gesehen hat, unterstützt die Vorstellung grauenhafter Ereignisse. In Gedanken bei den Toten und ihrem Leiden geht man zwischen Bäumen hindurch, lässt sich die Sonne auf den Pelz scheinen und bekommt ein mulmiges Gefühl im Bauch wenn man sich eine der Walderdbeeren in den Mund steckt.

Abseits vom individuellen Erleben wird das kollektive Gedenken an Bergen-Belsen von den Bildern dominiert, die britische Militärfotografen und die Kameraleute dort aufgenommen haben. Vor dem folgenden Video sei der Hinweis gestattet, dass dort unter anderem Bilder gezeigt werden, die ein Mensch unter 18 Jahren besser nicht anschauen sollte. Es handelt sich um einen effektvolen Zusammenschnitt der Aufnahmen, der als Teil des Beweismaterials bei den Nürnberger Prozessen verwendet wurden. Der Kommentar aus dem Off stammt ebenfalls aus dieser Zeit.

Direkt.

In Ausstellungen der 80er Jahre der entstehenden Gedenkstätte Bergen-Belsen wurden eben diese Bilder als Standbilder und Fotos gezeigt, aber nicht kontextualisiert. Sie zeigten Massen von Toten – deren Verwandte und die Überlebenden sträubten sich gegen diese Darstellungen in einer Gedenkstätte. Auch den Besuchern, die keine persönliche Verbindung zu dem Gezeigten haben, standen die Haare zu berge. Mit der Stirn auf die Grausamkeiten gestoßen lassen einen Bilder durch eine Faszination des Ekels nicht mehr los. Die Opfer verschwimmen, erscheinen nur als Leichenberg – kaum noch als menschliche Körper erkennbar und nicht viel abschreckender oder wirklicher als ein fiktionaler Horrorfilm. So machte man aus der Gedenkstätte einen Ort für das „Entertainment“ jener Leute, die ein bißchen Lust dabei empfinden, sich im Schmutz der Vergangenheit zu suhlen. Das 2007 eröffnete Dokumentationszentrum verfolgt hingegen ein neues Konzept, das sich zwar auch stark auf die Bilder stützt, diese aber in einen Kontext stellt, indem beispielsweise die geheimen Sendemanuskripte des britischen Kamerateams gezeigt werden. In der Ausstellung, die ich leider nach etwa 1,5 Std. verlassen musste, werden medial hervorragend aufbereitete Informationen gegeben und multiperspektivische Zugänge eröffnet. Texte, Bilder, Videos, Textilien, Keramiken, Hinterlassenschaften der Häftlinge und persönliche Gegenstände werden in einer modernen Umgebung ausgestellt. Die Besucher wählen aus, recherchieren selbst und haben in seperaten Räumen die Möglichkeit, sich miteinander auszutauschen. Das Zentrum integriert Ausstellung und Architektur des Ausstellungsgebäudes – es ist sehr auf den entdeckenden und forschenden Besucher ausgerichtet. So nähert man sich den Personen auf einer sehr persönlichen, sehr emotionalen Ebene.

Nur eines fehlt, und zwar die Sicht der Täter. Einmal meint man kurz welche zu entdecken, wenn in einer etwas versteckten Ecke diejenigen zu Wort kommen, die Raul Hilberg – der im August letzten Jahres verstorben ist – als „Zuschauer“ eingeordnet hätte: Die Kinder der Bewohner des Dorfes Bergen und die der Bauern der Umgebung geben in Videointerviews Antworten auf die Frage, was vom Lager gewusst haben. „Konzentrationslager? Was heißt hier Konzentrationslager? Ich dachte, die würden dort umerzogen!“ merkt ein Horst (oder Günther) an. Ilse aber meint, dass alle etwas wussten – schließlich hätten die Häftlinge die sechs Kilometer von der Rampe, an der sie aus dem Zug steigen mussten, bis zum Konzentrationslager zu Fuß gehen müssen. Auf dieser Strecke seien schon mal welche im Gehen gestorben, liegen gelassen worden und später von Dorfbewohnern gefunden worden. Also muss man gewusst haben, was es mit diesem Lager auf sich hat. Einen Beleg der These, dass man natürlich etwas wusste, stellt meines Erachtens der Spruch „Lieber Gott mach mich stumm, damit ich nicht nach Dachau kumm„, in dem der Volksmund mit Nachdruck auf seine Kenntnis der Konzentrationslager hinwies. Ich frage mich oft, was es damit auf sich hat, wenn heute noch geleugnet wird, dass man etwas mitbekommen habe. Vielleicht ist es eine Vorprägung, indem eigenen, involvierten Eltern die Beteiligung an den Morden geleugnet haben, um vor den Kindern nicht das Gesicht zu verlieren? Vielleicht ist es auch eine selbststände psychische Abwehreaktion, die einen das Unrecht „vergessen“ lässt? Ehrlich gesagt weiß ich es nicht, aber ich wundere mich sehr über den Mangel an politischer Verantwortung, der sich bei einigen der Zeitzeugen gezeigt hat.

Auf der Fahrt zurück habe ich Kopfschmerzen bekommen und zuhause war ich nicht mehr in Lage, etwas Richtiges mit mit anzufangen. Habe dann versucht, das Fußballspiel zu gucken. Russland gegen Holland. Ich war natürlich für die Russen, habe mich aber nicht so recht freuen können, als diese zu Beginn der zweiten Hälfte mit 1:0 in Führung gingen. Die Holländer konntenkurz vor Schluss zum 1:1 ausgleichen. Die erste Hälfte der Verlängerung konnte ich noch mit ansehen, dann bin ich ins Bett gegangen und habe schlecht und unruhig geschlafen.

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