Der freie Wille als soziale Konstruktion?

Moderne Hirnforschungen stellen das traditionelle Konzept des freien Willens in Frage. Angeblich können WissenschaftlerInnen mit ihren Maschinen durch ein Experiment feststellen, welche Entscheidung ein Mensch treffen wird, noch bevor er oder sie selbst bewusst darüber nachgedacht bzw. einen Entschluss formuliert hat. Den Gegnern dieser Haltung geht langsam die Luft aus – denn sie können ihre Argumente nicht mit so glaubwürdig erscheinenden Ergebnissen aus Experimenten und Studien stützen.

Also wird wie folgt argumentiert: Wenn mein Gegenüber ausschließlich durch seine Biologie, durch seine Hirnaktivität determiniert wird, kann ich ihn ja nicht mehr ernst nehmen. Stellt euch bloß eine Ehe vor, in der sich die beiden Ehepartner als determiniert auffassen – sie müssten jeden Respekt voreinander verlieren. Denn jede Handlung des oder der anderen würde durch biologistische Dispositionen erklärt. Jeder ehrlich geäußerte Wunsch, jeder Fehltritt und jedes Gefühl, auch das gemeinsame. Warum das nicht geht, ließe sich einfach klären: das Konzept des freien Willens schütze die Eheleute davor, einander nicht mehr ernst nehmen zu können. Es habe also einen sozialen Nutzen, und das gelte auf allen Aggregationsebenen: Alles, von (individuellen) Erziehung bis zur (kollektiven) Ahndung einer Straftat, baue nur auf das soziale Konstrukt des freien Willens auf, dass als solches dann auch die HirnforscherInnen akzeptieren müssten, schließlich wollen auch sie ihre Kinder erziehen.

Auf den zweiten Blick stellt sich diese Argumentation ist ein Rückschritt heraus, denn mit der Charakterisierung der Idee des freien Willens als „sozial konstruiertes“ und bloß „nützliches Konzept“ hat man darauf eingelassen, dass es einen echten freien Willen nicht gibt. Diese Haltung kann ich nicht teilen, denn der Mensch kann nicht auf seine bloß biologische Existenz zurückgeworfen werden. Menschen sind zu mehr in der Lage ist, als dazu, was sein oder ihr Körper vorgibt. Und diese Leistungen sind nicht im singulären Hirn zu suchen, sondern in gemeinsamen menschlichen Handlungen. Denn: wie erklären die modernen Neurowissenschaften die amerikanische Revolution und wie Ungarn 1957? Die Spontaneität des Menschen wird von dem Gehirn eines einzelnen nicht erfasst, weil es sich „zwischen“ den Menschen abspielt. Das ist die Verzahnung von Frei-Sein und Beginnen, die Hannah Arendt in ihrem Buch „Was ist Politik?“ (2003, S. 50) beschrieben hat. Wird man auf die Funktionen seines Gehirnes zurückgeworfen, so wird der gemeinsame Raum des Anfangen-Könnens zerstört, den man nach Hannah Arendt auch als den Raum des Politischen beschreiben kann. Die Ethik der Neurowissenschaften ist eine Ethik der Zerstörung gemeinsamer Lebensgrundlagen.

Advertisements

  1. Die Diskussion ist grundsaetzlich verfehlt. Gut, diese Gesellschaft beruht zu grossen Teilen auf dem Konzept des freien Willens der Individuen. Damit ist aber noch nicht viel gesagt. Denn nirgends steht, wie denn dieser „Wille“ beschaffen sein muesse. Man sieht, hoert, riecht und schmeckt ihn nicht, man schliesst lediglich auf ihn, anhand bestimmter „Aeusserungen“, die dann eben als „Willensaeusserungen“ interpretiert werden. Mit dem Bewusstsein verfaehrt man nicht anders.
    Das Postulat, dass es einen freien Willen gaebe wird auch nicht erst durch die Hirnforschung in Frage gestellt. Und auch das Verhaeltnis von Bewusstsein und Wille wurde nicht seit je als eines in dem das Bewusstsein den Willen nicht nur dominiere sondern sogar den Willensimpuls erst ausloese oder doch zumindest mit ihm zusammenfalle gefasst. Schon bei Descartes kann man lesen, dass die Vernunft deshalb dem Irrtum verfalle, weil der Wille weiter reiche als die Vernunft. Der Wille mag ein soziales, philosophisches oder antropologisches Konstrukt sein, eines ist er jedenfalls nicht: ein Gegenstand irgendeiner Naturwissenschaft.

    Wie absurd die Diskussion ist, laesst sich gut an einem vielbenutzten Beispile zeigen. Wenn es keinen freien Willen gaebe, so heisst es, dann waere auch niemand fuer seine Taten verantwortlich. Mithin haette man kein Recht einen Verbrecher zu verurteilen und zu bestrafen, schliesslich sei er ja – als Willensunfreier – nicht zur Verantwortung zu ziehen. Was ollte da die Folge sein? Das ganze Rechts- und Justizsystem abschaffen?

    Es sei der Hinweis erlaubt: auch die Richter, Henker, Polizisten, Justizminister usw. haetten dann keinen freien Willen und niemand koennte sie dafuer verantwortlich machen, dass sie Gesetze erlassen, Urteile faellen, Strafen vollziehen usw.

    Mit einem Wort: wie mans auch dreht und wendet: es aendert (sich) nichts.

  2. Du hast mit deiner Klarstellung natürlich völlig recht, dass diese Diskussion schon viel älter ist als die modernen Neurowissenschaften. Ich behaupte aber, dass sie mit den modernen wissenschaftlichen Instrumenten und der Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse min. eine neue Qualität bekommen haben.

    Dem Widerstand gegen das Konzept der biologischen Determination des menschlichen Handelns und Denkens wird durch diese neue Qualität das Wasser abgegraben, weil ihr keine so überzeugenden Methoden zur Verfügung stehen. Ich bin weit davon entfernt, die eine und die andere Position als quasi-äquivalente quasi-glaubensförmige Weltdeutungen aufzufassen, wobei die Wissenschaftler die Hohepriester und die wissenschaftlichen Instrumente die religiösen Artefakte des szientifischen Glaubens sein sollen. Das ist Quatsch, weil empirische Evidenz und Glauben etwas anderes sind. Aber in dem Maße, in dem sich die theoretischen Lebenswissenschaften von den Wirklichkeit entfernt haben, sind Glauben und Wissenschaft schon ganz nah beeinander.

  1. 1 Auf dem Weg zu einer philosophischen Biologie « Denktagebuch

    […] Heidegggers, kritisierte diese „Naturvergessenheit“ der ExistentialistInnen. Im Lichte der jüngsten Entwicklung in den unterschiedlichen Naturwissenschaften, insbesondere der Neurophysiologie, ist diese […]




Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s



%d Bloggern gefällt das: