Innovationen als Gegenstrategie zum Klimawandel

Innovationen können als eine Gegenstrategie zum globalen anthropogenen Klimawandel betrachtet werden. Vor allem forschrittsgläubige Menschen hoffen, dass sich schon in Bälde am Horizont der wissenschaftlich-technischen Entwicklungen eine Erfindung abzeichnen wird, durch die – ohne unbequemen Verzicht in den Berichen Konsum, Mobilität, etc. – ein umweltverträgliches Wirtschaften und Leben möglich sein soll. Dies ist die offizielle Hoffnung der Bundesregierung, die in diesem Zusammenhang von „nachhaltigen Innovationen“ spricht und diese fördern will.

Eine andere Sicht auf Innovationen betont vor allem deren umweltschädigendes Potenzial. Die gegenwärtigen Umweltprobleme seien vor allem wegen jener wissenschaftlich-technischer Durchbrüche entstanden, die man massenhaft angewendet habe, ohne die ökologischen oder sozialen Folgen berücksichtigt zu haben. Die Grundlage dieser Perspektive ist die Feststellung, dass Innovationen vor allem auch Unsicherheiten nach sich ziehen würden. Der Oldenburger Ökonom Niko Paech bezeichnet Innovationen deshalb als einen Versuch, „Feuer mit Benzin zu löschen“ (Paech 2005, 65).

Die Frage nach dem Nutzen oder der Gefahr von Innovationen – wobei hier erst einmal vordergründig naturwissenschaftlich-technische Produktinnovationen gemeint sind – soll sich für die meisten WissenschaftlerInnen nicht stellen. Die wissenschaftliche Forschung ist aus der Sicht vereinzelter Individuen etwas gegebenes, deren direkte Anwendung auch nicht in den Händen der WissenschaftlerInnen liegt. Für die nachträgliche Einbindung in wirtschaftliche Anwendungskontexte sind viel mehr die Akteure aus der Sphäre Wirtschaft zuständig. Diese deutlichen Grenzen zwischen den Verantwortungsbereichen wurden in der Geschichte der Universitäten gezogen.

Henry Etzkowitz, ein britischer Wirtschaftssoziologie, stellt diesem linearen Konzept der Arbeitsteilung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ein neues Modell gegenüber. Darin nimmt die Uni neben den klassischen Aktivitäten – lehren und forschen – auch die Praxis als gleichrangige Aufgabe wahr. Dies wird sie z.B. durch den Betrieb sogenannter Inkubatoren-Einheiten erreichen, in denen Mitglieder der Uni – Studierende, MitarbeiterInnen, etc. – eigene Unternehmen aufbauen können. In diesen Unternehmen sollen die Ergebnisse der universitären Forschung in wirtschaftlichen Anwendungen umgesetzt werden. Es gibt noch eine Reihe anderer Möglichkeiten, durch die Unis den Aufgabenbereich der Praxis integrieren können. Denkbar sind Lehrveranstaltungen zur Unternehmensgründung, die ganz praktische materielle Unterstützung bei Gründungsvorhaben oder die Einstellung von MitarbeiterInnen, die sich damit beschäftigen, Abschlussarbeiten nach Gründungspotenzialen zu durchsuchen. Durch die Integration dieser Aufgaben entstehen nach Henry Etzkowitz sogenannten „unternehmerische Universitäten“, deren Paradebeispiel das „Massachusetts Institute of Technology“ sein soll. Die Wissensproduktion sei nicht mehr damit nicht mehr linear, sondern es entstünde eine fortwährende Ko-Befruchtung zwischen Forschung und Praxis, wodurch schneller neue Ergebnisse erzielt werden und auch neue Anwendundskontexte entstehen sollen.

In meiner wissenschaftlichen Arbeit zur „unternehmerischen Universität Oldenburg“ habe ich am Beispiel der Erneuerbaren Energien untersucht, inwiefern sich die Entwicklung der Uni Oldenburg anhand der Theorie von Henry Etzkowitz beschreiben lässt. Dabei bin ich auf eine Reihe von Tendenzen gestoßen, die seine Theorie stützen und die mich zu dem Schluss gebracht haben, dass die Erneuerbaren Energien an der Uni Oldenburg eine vergleichsweise dynamische Entwicklung vollziehen: Obwohl es keine „top-down“ Strategie zur Förderung der Erneuerbaren Energien gab, hat sich dieser Bereich gut entwickelt und eine Reihe sehr erfolgreicher Unternehmungen hervorgebracht. Dies ist unter anderem darauf zurück zu führen, dass es an der Uni Oldenburg organisationale Einheiten gibt, die als Elemente einer „unternehmerischen Universität“ betrachtet werden können (bspw. TGO und VentureLab).

Grundsätzlich fördern die „unternehmerischen Universitäten“ auch die Entstehung von Firmen, die „nachhaltige Innovationen“ auf den Markt bringen wollen. Dies gilt um so mehr, als dass sich gegenwärtig viele Akteure aus der Sphäre Wissenschaft am Ideal der „nachhaltigen Entwicklung“ orientieren wollen. Dabei stellt sich aber die Frage, inwiefern die Gründung neuer Betriebe und damit wirtschaftliches Wachstum – mit allen seinen direkten und mittelbaren sozialen und ökologischen Folgen – überhaupt als Strategie zum Umweltschutz taugen kann. Diese Frage zielt auf die Grundlagen unseres Wirtschaftens und die der gegenwärtigen ökologische und wirtschaftlichen Krisenerscheinungen.

André und Dorine Gorz, Foto von imago

André und Dorine Gorz, Foto von imago

Als halber Geschichtswissenschaftler neige ich dazu, historische Präzedenzsituationen zu suchen. Dabei werde ich in der Geschichte des 20. Jahrhunderts schnell fündig: Nach der sogenannten „Ölkrise“ 1973 hat der französische Sozialphilosoph André Gorz (der sich im September des vergangenen Jahres gemeinsam mit seiner todkranken Frau das Leben nahm) ein Buch mit dem Titel „Ökologie und Politik. Beiträge zur Wachstumskrise“ verfasst. Er stellt ganz offen die Frage:

„Was wollen wir? Einen Kapitalismus, der sich den ökologischen Zwängen anpasst, oder eine wirtschaftliche, soziale und kulturelle Revolution, die die Zwänge des Kapitalismus abschafft“ (Gorz 1977, 79).

Allerdings war André Gorz bereits in den 70er Jahren kein „Steinzeitkommunist“ und wandte sich deutlich gegen den staatlich-bürokratischen Sozialismus der UdSSR, in dem seines Erachtens kapitalistische Methoden angewendet wurden, um die Macht der Partei zu sichern. Nach seiner Forderung sollten die wirtschaftlichen Systeme – sowie, darauf aufbauend, auch die politischen Systeme – sich an den Beziehungen der Menschen zur Gesamtheit ihrer sozialen und ökologischen Umwelt ausrichten. Produktinnovationen betrachtete er ebenfalls als ein Teil des Problems, da ein Produkt erst dann verkaufsfähig sei, wenn die Menschen nicht mehr dazu in der Lage sind, die Leistung des Produktes selbst herzustellen. Um dies zu erreichen, verstümmele der Kapitalismus unsystematisch die vielfältigen Fähigkeiten der Menschen, und damit deren Autonomie.

Die „unternehmerischen Universitäten“, deren gemeinsames Ziel wirtschaftliche Erfolge und Wachstum sind, stehen für zwei Gesichtspunkte, die André Gorz kritisiert hat:

  1. Der Kapitalismus integriere durch die „unternehmerischen Universitäten“ nun ökologische Funktionen. Dadurch, so André Gorz weiter, werde dem Umweltschutz sein revolutionäres Potenzial entzogen. In den allgemein anerkannten Aufgabenbereich der Kapitalisten stünde der Umweltschutz jedoch stets unterhalb den Zielen der Gewinn- und Machtmaximierung.
  2. Der Kapitalismus dringe in alle Bereiche des menschlichen Lebens ein und verändere sie nach kapitalistischen Kriterien. Nach André Gorz ist die Einführung der Kategorien „nützlich“ und „nutzlos“ eine der wichtigsten kapitalistischen Funktionen. In unserem Beispiel, den Wissenschaft, werde demnach ein „nutzloses“ Fach (bspw. Geschichtswissenschaften, Philosophie, Germanistik, … ) von einem „nützlichen“ Fach (bspw. Naturwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, … ) unterschieden.

Wenn wir André Gorz weiter folgen, dann ist das Konzept der „unternehmerischen Universitäten“ also so etwas wie der Versuch einer Reform des Kapitalismus. Nach der Meinung von André Gorz ist aber viel mehr eine Revolutionen der bestehenden Ordnung nötig, damit sich die von ihm beobachteten Entwicklungen nicht weiter verschlimmern.

Ich selbst kann diese weitreichende Frage nicht beantworten. Nach meinem subjektiven Gefühl gibt es aber umweltbezogene Probleme, die kapitalistischen Systemen immanent sind. Z.B. der Wachstumszwang innerhalb kapitalistischer Ordnung, der durch die Zinsen hergestellt wird. Diesem sind physische Grenzen gesetzt (wobei aber keineswegs klar ist, wann diese erreicht sind – oder bereits wurden) (vgl. Meadows 1972).

Literatur

Meadows, Donella; Meadows, Dennis L. u.a. (1972): Die Grenzen des Wachstums – Berichte des Club of Rome zur Lage der Menschheit, München.

Paech, Niko (2005): Nachhaltigkeit zwischen ökologischer Konsistenz und Dematerialisierung. Hat sich die Wachstumsfrage erledigt?, in: Natur und Kultur, Vol. 6, No. 1, Bad Mitterndorf, S. 52-72.

Gorz, André (1977): Ökologie und Politik. Beiträge zur Wachstumskrise, Reinbek bei Hamburg.

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