Historischer Etikettenschwindel – 900 Jahre Oldenburg?

In Oldenburg hat man sich mit dem Event-Getöse der lokalen Stadtmarketing-Firmen bereits angefreundet. Im Jahr 1995 feierte man hier „650 Jahre Stadt Oldenburg“. Und jetzt? „900 Jahre Oldenburg“ – damals meinte man schließlich die Verleihung des „Stadtrechts“ und heute bezieht man sich auf etwas ganz Anderes. Das Programmheft kündet jedenfalls eine „Zeitreise“ an, auf die alle „mitkommen“ sollen. In den Geschichtswissenschaften ist man sich aber weitgehend darüber einig, dass auch das beste Vermittlungskonzept niemals die „historische Wirklichkeit“ transportieren kann. Und so muss das, was hier als „Zeitreise“ verkauft werden soll, als das betrachtet werden, was es eigentlich ist: Der fadenscheinige Versuch, auf der Grundlage konstruierter „Wahrheiten“ ein Verkaufsargument zu erfinden.

Dass die „900 Jahr-Feier“ auf dieses Ringen um Authentizität angewiesen ist, zeigt der unschuldige Blick auf den Stand der Forschungen. Bis vor kurzem wusste man über das Alter von Oldenburg bloß, dass es 1108 eine urkundliche Erwähnung von „Aldenburg“ gab. Dass Oldenburg deshalb in diesem Jahr 900 Jahre alt wird, ist auf Grundlage dieser vereinzelten Überlieferung aber noch nicht erwiesen. Zumal archäologische Funde aus dem letzten Jahr, die unter dem Begriff „Heidenwall“ bekannt worden sind, der These von den „900 Jahren“ das Wasser abgraben. Die Baumstämme, aus denen die mittelalterlichen Befestigungsanlage „Heidenwall“ bestand, wurden im Zeitraum zwischen 1032 und 1042 geschlagen. Die Ringwallanlage spielte als Grenzpunkt und bei der in der Überwachung des Handels auf der Hunte eine „gewichtige Rolle“ – vermutlich war es die Keimzelle der heutigen Stadt Oldenburg.

Aus der Entdeckung der „Heidenwalls“ kann der Schluss gezogen werden, dass Oldenburg zur Zeit wahrscheinlich zwischen 976 oder 966 Jahren alt sein wird. Die Marketingstrategie der „Zeitreise“ suggeriert aber, dass Oldenburg ganz genau 900 Jahre alt ist. Aber vielleicht kommt man ja in 24 bis 34 Jahren auf die Erkenntnisse aus der Untersuchung des „Heidenwalls“ zurück, um dann wieder krampfhaft ein „Datum“ zum „Feiern“ an den Haaren herbei zu ziehen. Schließlich wird Oldenburg dann schon 1000 Jahre alt.

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