Das Böse in finsteren Zeiten

Vier Tage vor dem 10. November 2008 – dem Datum, an dem sich die Reichspogromnacht von 1938 zum 70. Mal jährt – bezeichnete der Niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff die Kritik am Finanzmanagement als „Pogromstimmung“1. Vielleicht ist es nicht mehr nötig, auf die Unangemessenheit seines Vergleiches hinzuweisen, sondern viel wichtiger, das Folgende zu betonen:

Es ergibt keinen Sinn, die Einzigartigkeit des pogromistischen Antisemitismus zu betonen und ein angemessenes, ritualisiertes Gedenken einzufordern, damit „so etwas nicht wieder geschehe“ (zuletzt hat dies der Initiator des Benefizkonzerts „Tu was„, Daniel Hope, indem er sein Konzert unter das Credo „Nie darf so etwas wiederkehren. Jeder Einzelne ist verpflichtet, dafür zu sorgen!“ gestellt hat). Die Zeit der Pogrome ist keineswegs aber vorbei. Wie Hannah Arendt gezeigt hat, war die NS-Zeit kein „Bruch in der Geschichte“2 oder ein „Rückfall in die Barabarei“3 , sondern vielmehr eine Manifestitation der Moderne. Deshalb sollte die Bedeutung des Begriffs „Pogrom“ nicht relativiert, sondern bloß bitte nicht auf eine soziale Gruppe angewendet werden, deren größte Sorge aktuell die Entwertung ihres „bitter“ ererbten oder erschlichenen Vermögens ist. Managerkritik und Judenverfolgung haben nichts miteinander zu tun; zumal das Erste ein, zwar verkürzter und zu stark individualisierter, aber grundsätzlich richtiger Angriff ist, das zweite aber nicht einmal eine Entsprechung in der Realität – etwa in Form „wirklicher“ „raffgieriger Juden“ gebraucht hat, um seine Wirkung entfalten zu können.

Antisemitischen Tendenzen sind keine Randerscheinung, deren Unterdrückung und Verhinderung eine Aufgabe aller demokratischen Bürger_innen sein kann – so wie etwa Daniel Hope es ausdrückt, wenn er bemerkt, dass sich sein Benefiz-Konzert gegen den Hass von einzelnen Skinheads richte, von denen es leider auch in Deutschland, wie in jedem anderen Land der Welt, einige gebe (Vgl.: „taz“ vom Wochenende). Vielmehr ist Antisemitismus ein grundlegendes Argument in der deutschen Gesellschaft. So führt etwa die Zeitschrift „Aus Politik- und Zeitgeschichte“ (APuZ) aus, dass die „fast die Hälfte (46,4%) [der] über 60-Jährigen […] der Unterstellung [zustimmt] […], dass Juden versuchen, Vorteile aus der Vergangenheit zu ziehen.4



1 „Ich finde, wenn jemand 40 Millionen Steuern zahlt als Person und Zehntausende Jobs sichert, dann muss sich gegen den hier nicht eine Pogromstimmung entwickeln.“ Vgl.: www.tagesschau.de/inland/wulff110.html, Zugriff: 09.11.2008.

2. Vgl.: Stellungnahme der „Linkspartei“ zum 60. Jahrestage der „Nürnberger Prozesse“: http://archiv2007.sozialisten.de/presse/presseerklaerungen/view_html/zid34256/bs1/n12, Zugriff: 09.11.2008.

3. Begriffsprägung von T. W. Adorno

4. Vgl.: http://www.bpb.de/publikationen/3OSAET,0,Antisemitismus_in_Deutschland_und_Europa.html, Zugriff: 10.11.2008.

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  1. 1 chefarztfraulicher:beobachter » Ein Hauch von Volksgerichtshof: The Big Three vor dem US-Kongress

    […] ihren Geldwünschen befragt – ungehörig und ehrabschneidend wäre das. Das geht so nicht, das ist Pogrom! Zum Glück taugt der deutsche Untertanengeist nur zum Hartz-4-Dedektiv. Also keine Angst meine […]




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