Gleichsetzung mit Tieren

heuschrecke

Ein possierliches und nützliches Wesen, in Szene gesetzt von Judo10.

Es geschehen unglaubliche Sachen, wirklich. Antisemitische Positionen kamen schon oft im Gewand des Tiervergleiches daher. Dass sie aber so widerspruchslos akzeptiert und übernommen werden wie bei der so gen. „Heuschreckendebatte“ hat mich sehr erstaunt. Setzt man eine bestimmte soziale Gruppe mit „Ungeziefer“, „Plagegeistern“, „Schädlingen“ oder „Parasiten“ gleich, dann öffnet sich möglicherweise zugleich auch der Raum, in dem die Forderung nach der Auslöschung dieser Gruppe gestellt wird. Zu diesem Thema schrieb der Historiker Michael Wolffsohn im Mai 2005:

„60 Jahre ‚danach‘ werden heute wieder Menschen mit Tieren gleichgesetzt, die – das schwingt unausgesprochen mit – als ‚Plage‘ vernichtet, ‚ausgerottet‘ werden müssen.“

Nach meiner Überzeugung findet man die Gleichsetzung mit Tieren aber nicht „nur“ in der so gen. „Heuschreckendebatte“, die aktuell ja zum Beispiel dazu geführt hat, dass das Wort „Heuschrecke“ ganz selbstverständlich als Platzhalter für eine Reihe unterschiedicher Unternehmens- und Unternehmer_innentypen benutzt wird. Dabei handelt es sich aber keineswegs um einen eliminatorischen Antisemitismus, sondern um eine verbreitete Form von latentem Antisemitismus. Allerdings können aggressivere Positionen hier Anschluss finden.

Für diesen latenten Antisemitismus habe ich ein Beispiel aus der Tageszeitung „junge Welt“, in dem auch bestimmte Kontinuitäten deutlich werden sollen: Wie ein dämonischer Schatten, wie eine schleichende Krankheit, laste der Kapitalismus auf den Gesellschaften, findet der zum Tode verurteilte Mumia Abu-Jamal, und bekommt in der „jungen Welt“ auch eine ganze halbe Seite, um das unter der Überschrift „Die Geier des Kapitals“ weiter auszuführen. Nachdem Milton Friedman und der Internationale Währungsfond ihr Fett wegbekommen haben, attestiert Abu-Jamal in seinem Schlusswort:

„[…] Die Geier des Kapitals sind zurückgekehrt und machen sich über den Leib jener Gesellschaften her, von denen aus sie in alle Welt geschickt wurden.“

Für diese Konstruktion gibt es historische Präzedenzfälle, zum Beispiel die Schriften des paranoid-antisemitischen Verlegers Theodor Fritsch, dem Gründer des Reichshammerbundes. Dieser zentrale Akteur der nationalsozialistischen, antisemitischen Indoktrination schrieb in den 20er Jahren: „

„Ruhmreiche Völker, Nationen von hoher Kunst und Kultur sind unter der Judenseuche dahin gesunken – ohne Recht zu begreifen, was mit ihnen vorging.“ (Vgl. „Das Rätsel des jüdischen Erfolges„, 1928 [PDF])

An diese argumentative Architektur kann Abu-Jamal anknüpfen, wenn er schreibt, dass „die Geier des Kapitals“ sich an dem „Fleisch dieser Gesellschaften sattfressen, bis nur noch Knochen übrig sind“. So hat Fritsch das auch schon gesehen: „[…] und auf dem Trümmerhaufen der alten Herrlichkeit saß triumphierend – wie ein Aasgeier auf dem Kadaver eines königlichen Tieres – der Jude“.

Der Phrasen-Antikapitalismus des Abu-Jamal ist latent antisemitisch codiert und geht genau deshalb ins Leere, weil er eine Illusion ist – für die es keine Entsprechung in der Realität gibt.  Der weit verbreitete, fast verschwörungstheoretische Ansatz, dass das Böse dieser Welt in dem irgendwie „-istischen System“ liegt, ist falsch. Für die Verwirklichung utopischer Wünsche, einer besseren und kuscheligeren Welt braucht es Menschen, die Fragen an ihr Ich stellen und zu allererst das so gen. „Ego“ als alleinigen Störenfried ausmachen, und nicht ausgedachten Phantomen nachjagen.

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  1. tebb

    Deine historischen Kenntnisse in allen Ehren, aber es besteht doch ein Unterschied zwischen „ausgedachen Phantomen“ und sehr realen kapitalistischen Unternehmungen, deren Marktverhalten den Weltuntergang nicht eben verzögert. Ein „Ego“ als alleinigen „Störenfried“ auszumachen, finde ich daher auch eher romantisch. Und konterrevolutionär ;-). Noch romantischer ist freilich eine Analyse, die nur Aasgeier und Volkskörper kennt.
    Die „junge welt“ gibt Abu Jamal wöchentlich eine Kolumne (die übrigens in Dutzenden Zeitungen weltweit erscheint) und fragt – teils aus Ehrfurcht, teils aus Ignoranz – nicht weiter nach, was da so drinsteht. Ein Phrasenschwein scheint sich die Redaktion auch nicht zu halten.

  2. Ben

    Aber ich will doch gar nicht sagen, dass seine Kritik an der Politik des IWF falsch ist. Aus meiner Perspektive bedient sie sich aber der falschen Vergleiche und Sprachbilder, die deshalb so anschlussfähig sind, weil es neben dem antiimperialistischen Konsens auch einen weit verbreiteten Antisemitismus gibt. Jetzt kommt das Totschlag-Argument, Statistik:
    – 36% der Befragten fanden, Juden zögen aus der Vergangenheit Vorteile und ließen die Deutschen dafür zahlen.
    – 61% fanden, man solle endlich einen Schlussstrich unter die Diskussion der Judenverfolgung ziehen.
    (Die Zahlen stammen aus einer deutschlandweiten Umfrage der Gesellschaft „forsa“)

    Dass latent antisemitische Position „einfach so“ weltweit mehrfach abgedruckt und abgenickt werden, ohne das eine umfangreichere Reflexion stattfindet, macht mich noch nachdenklicher.

  3. Werner Gerhard

    Das vermehrte Auftreten von antisemitischen Parasitenbildern und den damit assozierten Affekten in der öffentlichen Diskussion um die Finanzkrise gehört zu den beunruhigendsten Zeiterscheinungen, die mir bisher überhaupt untergekommen sind. Ich befürchte sehr, das wir in nächster Zukunft noch reichlich derartigen Stoff zum kommentieren bekommen werden und die „Junge Welt“ ist, was „linken“ Antisemitismus angeht, als Fundstelle in der Tat eine erste Adresse. Du bist da an einer richtig gefährlichen Sache dran und zwar mit einer sehr differenzierten und treffenden Analyse. Weitermachen!

    Wie weit sich dieses Frühsymptom der „emotionellen Pest“ (ein Krankheitssprachbild von Wilhelm Reich übrigens) schon quer durchs politische Spektrum gefressen hat, illustriert übrigens auch dieses abstossende Plakat:

  4. Das Bild mit der Heuschrecke ist mir zum ersten Mal auf dem Titelblatt der „metall“, der Mitgliederzeitschrift der IGM, aufgefallen:

    http://www.igmetall.de/cps/rde/xbcr/SID-0A342C90-18F74396/internet/docs_ig_metall_xcms_7930_7931_2.pdf

    Ich finde die Diskussion darum schon ein bisschen abgegessen – aber immer noch wichtig, unter anderem weil die meisten Menschen, denen ich das Blatt gezeigt habe, meinten, dass sie das gar nicht so dramatisch finden. Allerdings habe ich auch den Eindruck, dass die „Antisemitismus-Karte“ zu oft gespielt wird. Ein Beispiel dafür ist Berichterstattung über die Demolierung einer jüdische Ausstellung in der HU Berlin während der Schüler_innen-Demo Mitte November:

    http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1226404730069&pagename=JPost%2FJPArticle%2FPrinter

  5. Der Parasitenbegriff wurde schon vor der Finanzkrise mißbraucht. Nämlich als Bezeichnung für nicht arbeitswillige Sozialhilfeempfänger.

  6. Also den Heuschreckenvergleich würde ich trotzdem anders auffassen, nämlich um die Funktionsweise von Private Equity Unternehmen zu veranschaulichen. Meiner Meinung nach lief die Intention dieses Vergleichs auch dahingehend hinaus, und nicht auf einzelne Personengruppen. Dass Private Equity Firmen tatsächlich eine Funktionsweise annehmen können, die an ein Abgrasen von Landstrichen (bzw. in ihrem Fall eben Unternehmen) liegt, ist ja kein antisemitisches Phantasma, sondern eine Tatsache, der auch Private Equity Manager selbst zustimmen werden können. Das man das nicht gut findet, ist wohl auch legitim.

    Der Vergleich ist zwar dumm weil in der Tat missverständlich, nichts desto trotz würde ich nicht versuchen in ihm einen latenten Antisemitismus zu sehen.

    Es ist eigentlich interessant: Wenn dieser Argumentationslinie Antisemitismus untergeschoben wird, die Menschen aber sehen, dass die Private Equity Kritik einen wahren Kern haben, könnte es nicht sein, dass durch die Verknüpfung des Antisemitismusvorwurfs und dem „Heutschreckenvergleich“ erst antisemitische Gefühle in ihnen hervorgerufen werden?

  7. Unlogik: Einige Juden sind Vertreter des Finanz- und Geldsystems (Banker), wer gegen das Finanz- und Geldsystem ist, hat also auch etwas gegen diese Aktivität dieser Juden. Wer gegen Juden ist, ist antisemitisch. Antisemitismus ist ein Verbrechen. Schlussfolgerung: Wer gegen das Finanz- und Geldsystem ist, ist ein Verbrecher. Mörder sind auch Verbrecher, also ist ein Kritiker des Finanz- und Geldsystems auch ein Mörder. Mörder müssen bestraft werden. Also muss ein Kritiker des Bank- und Finanzsystems eingesperrt werden.
    Woher kommt diese paranoide Logik, die ich hier um einige schritte weiter geführt habe?
    Einige Ostfriesen tätowieren sich. Wer gegen Tätowierung ist, ist also auch „gegen diese Ostfriesen“. Wer gegen eine Ethnie Vorbehalte hat, ist rassistisch. Also ist jemand, der gegen Tätowierung ist, rassistisch, weil er Ostfriesen ablehnt. Hier merkt jeder den Schwachsinn. Warum nicht beim Thema Juden? Weil der Philosemitismus als Spiegelbild des Antisemitismus davon ausgeht, dass Juden keinen Anteil an einem grundsätzlich kritisch zu sehenden Sachverhalt oder Verhalten haben können. Dies offen auszusprechen ist aber unmöglich, weil ein Tabu.




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