„Herausforderung“ für die Verantwortung

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat 2003 eine Broschüre mit dem Titel „Herausforderung Klimawandel“ veröffentlicht, in der von nicht nur „wissenschaftlichen, sondern zunehmend auch gesellschaftspolitischen Herausforderungen“ die Rede ist. Aktuell versuche mehr über Themen mit Umweltbezug zu lernen und mich in die Diskussion mit einzubringen. In allen Disziplinen, die mich interessieren (besonders Sozialwissenschaften, Ökonomie und Recht) wird der Begriff „Herausforderung“ so auffallend oft gebraucht, dass ich hier der darin transportierte Botschaft nachgehen will.

Ich vermute, dass der häufige Gebrauch des Wortes sich daraus ergibt, dass angelsächsische Vorstellungen und Begriffsprägungen in die deutsche Sprache hineinragen. In der englischsprachigen wissenschaftlichen Literatur, insbesondere in den wirtschaftswissenschaftlichen Fächern, taucht die „Challenge“ sehr oft auf. In der deutschsprachigen Management-Literatur übernimmt man dieses Wort oder umschifft es zwanghaft. So schreibt Dipl.-Oek. Birgit Riess, Mitarbeiterin der „Bertelsmann Stiftung„, in einem Buch über „Corporate Social Responsibility“ – das 2008 im hauseigenen Verlag publiziert wurde – dass man im Zusammenhang mit Schwierigkeiten wie Jugendarbeitslosigkeit und Umweltzerstörung zwar „eigentlich von ‚Herausforderungen‘ sprechen sollte“ aber dieses Mal ehrlicherweise lieber doch die Wahrheit sagt, denn es handele sich tatsächlich um handfeste „Probleme“. In diesem Gedruckse wird meines Erachtens sehr deutlich, was mit der Prägung „Herausforderung“ gemeint ist. Darin wird der schrankenlosen Optimismus ausgedrückt, mit allen denkbaren Problemen letztlich umgehen zu können, und für sie irgendeine „Lösung“ zu finden. Am Beispiel der „Herausforderung Klimawandel“ sind dies beispielsweise jene „Technologien und Methoden, die dabei helfen, mit einer sich verändernden Umwelt umzugehen“, die sich das BMBF herbeisehnt. Dass die meisten Umweltprobleme, mit denen wir heute kämpfen, erst durch den Einsatz von Technik zustande gekommen sind, ist den Autor_innen der Studie nicht so wichtig. Die Implementierung innovativer Technologien ist gerade deshalb gefährlich, weil sich durch den Innovationsgrad auch die Unsicherheiten vergrößern, die mit dem Einsatz verbunden sind. Aber im Mainstream-Nachhaltigkeitsdiskurs des Bundesministeriums zählt das nicht. Irgendwo am Ende des Regenbogen soll die Technologie auftauchen, mit der sich die Umweltprobleme beseitigen lassen. (Wo die Ingenieur_innen für diese Aufgabe herkommen sollen, läßt das BMBF auch offen.)

Dass etwas eine „Herausforderung“ sei, bedeutet auch, dass es ein „herausgefordertes“ Subjekt gibt, dass sich mit der Lösung oder Bewältigung einer Sache befassen soll. Während es nach meiner Überzeugung nichts anderes als Aufgabe aller Mitglieder einer Gesellschaft sein kann, ökologische, soziale und wirtschaftliche Schieflagen gemeinschaftlich anzugehen, verschiebt die Management-Literatur dies in den Zuständigkeitsbereich der Unternehmen. Diese sollen sich durch „verantwortliches unternehmerisches Handeln“ (Corporate Social Responsibility) für gesellschaftliche und ökologische Belange einsetzen – wobei sie durch langfristiges Profitinteresse motiviert werden. Dabei werden winzige Teile des Gewinns von Unternehmen quasi als Kompensationsmaßnahme zu den ökologischen und sozialen „Vernichtungsleistungen“ öffentlichkeitswirksam zurückgegeben. Neben der prinzipiellen Kritik an dieser Strategie („Greenwashing„) werden die Angelegenheiten eigentlich politisch verantwortlicher Bürger_innen durch die so „herausgeforderten“ Unternehmen professionalisiert und „verkauft“. Meines Erachtens ist es eine der beachtlichsten Modernisierungsfolgen, dass es im Alltag aller Bewohner_innen von „Industriestaaten“ immer mehr Interdependenzen gibt, die Beziehungsgeflechte also immer komplexer und undurchschaubarer werden. Wird die Verantwortung für den angemessenen Umgang mit der sozialen und ökologischen Umwelt durch Unternehmen monopolisiert, wird sie gleichermaßen der öffentlichen Sphäre entzogen. Damit wachsen die Interdependenzen weiter, was noch mehr Komplexität nach sich zieht. Das heißt, dass die Partizipation von Individuen durch wirtschaftliche Institutionen aufgefangen und verknappt wird. Hier gewinnt die „Arbeit“ Dominanz über die pluralen menschlichen Bezüge. Es entsteht eine merkwürdige Sphäre, in der privaten Interessen eine öffentliche Bedeutung zukommt. Meines Erachtens ist es in dieser Situation eine „Herausforderung“ für alle Mitglieder einer Gesellschaft, sich unkonformistisch zu zeigen und für ökologische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme gemeinsam die politische Verantwortung zu übernehmen. Dass sich auch die Angehörigen von umweltschädigenden Unternehmen in diesen Bereich engagieren ist dabei ja nicht ausgeschlossen.

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  1. „Wird die Verantwortung für den angemessenen Umgang mit der sozialen und ökologischen Umwelt durch Unternehmen monopolisiert, wird sie gleichermaßen der öffentlichen Sphäre entzogen.“
    Exakt. Blätter ein beliebiges handelsübliches Politik- oder Wirtschaftsmagazin auf, und du wirst – redaktionell 1a umrahmt – Dutzende Annoncen von internationalen Multis finden, die auf einmal alle Vorreiter einer „grünen Revolution“ sind, von BP über Chevron bis zu BMW. Alle haben sie den Ernst der Lage gecheckt, ehrgeizige Ziele gesteckt und – vor allem – das Vertrauen des Kunden als wichtige Ressource ausgemacht. Konsum wird zum Plädoyer für Umweltschutz. Der Vertragsabschluss bei Vattenfall ist wie eine Spende an Greenpeace.
    Das Übelste hieran ist in der Tat die „Herausforderungs“-Rhetorik, immer balanciert mit diffusen „Chancen“. „Spannende“ „Projekte“, zum Kotzen. Und wer sollte Ihnen auch das Handwerk legen?

  2. Keine Ahnung, aber diesem gesamtgesellschaftlichen Problem begegnet man möglicherweise am besten mit einer „gesamtgesellschaftliche Lösung“.
    Das dachte sich auch der Namensgeber der Uni Oldenburg schon: https://unterben.files.wordpress.com/2008/04/ossietzky.jpg




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