Ein Journal für die Geisteswissenschaften im Nordwesten

Mit dem Bachelor-Abschluss, den ich seit einigen Wochen habe, kann ich nicht promovieren. Dieser erste akademische Abschluss ermöglicht eigentlich keinen Einstieg in die wissenschaftliche Arbeit, z.B. weil er als Qualifikation zur wissenschaftliche MitarbeiterIn nicht ausreicht. Noch gibt es kaum Möglichkeiten, vor dem Bachelor-Abschluss oder sogar schon davor wissenschaftlich zu arbeiten. Dabei gibt es sogar Master-Programme, für die eigene wissenschaftliche Publikationen vorausgesetzt werden.

Diese Defizite treffen die geisteswissenschaftlichen Disziplinen besonders stark, denn dort wird der Praxisbezug im Studium oft besonders schlecht gehandhabt. Als Beispiel soll hier meine eigene Uni herhalten: Im „Studierenden-Urteil“ vom CHE-Ranking (Bertelsmann), schneiden die Sozialwissenschaften der Uni Oldenburg besonders schlecht ab:

studierendenurteile

Hier geht’s zur vollständigen Erhebung und hier zur Kritik.

Nach meiner Überzeugung leiden Studierende der Geisteswissenschaften aber nicht nur an der oft mangelhaften Lehre in ihren Fächern, sondern auch am geringen volkswirtschaftlichen Bedarf für Politik- Kultur-, Geschichts-, oder SprachwissenschaftlerInnen, etc. Viele AbsolventInnen in meinem Bekanntenkreis greifen auf Überlebens- und Anpassungsstrategien zurück, die nicht mehr viel mit dem vorangegangenen Studium zu tun haben („Der letzte Schein, den du machst, ist der Taxischein“). Dabei hätte mit der Einführung der BA/MA-Studiengänge eigentlich auch das Verhältnis zwischen Studium und Praxis verbessert werden sollen, so dass den AbsolventInnen mehr Anwendungskontexte zur Verfügung stehen.

In den geisteswissenschaftlichen Diszpilinen bedeutet wissenschaftliches Arbeit meist das Verfassen von Texten. Was in einem Studierendenleben an wissenschaftlichen Texten produziert wird, kann meist ein einziges Mal von PrüferInnen gelesen werden und landet danach dort in einem Archiv. Das Feedback ist oft genug nur die Note, so dass man sich nicht gut über die Leistung bewusst werden kann bzw. auch die eigenen Fehler nicht wahrnehmen muss. Wir, eine Gruppe von Studierenden aus Bremen und Oldenburg, arbeiten daran, dass sich das ändert. Zum Beispiel, indem Texte veröffentlicht werden:

In naher Zukunft soll im Nordwesten ein geisteswissenschaftliches Journal auf den Weg gebracht werden, in dem Studierende ihre ersten wissenschaftlichen Beiträge publizieren können. Das können Abschlussarbeiten sein, aber auch Haus- oder Seminararbeiten. Es gibt bereits eine Reihe von solchen so gen. „Graduate Journals“, z.B. das disziplinär ausgerichtete „as|peers“ in Leipzig, die wissenschaftliche Beiträge von Studierenden erfolgreich in den wissenschaftlichen Diskurs einbringen. Das Konzept des geplanten Journals für Bremen und Oldenburg steht noch nicht fest, das Projekt ist noch völlig offen. Heute Abend, am Dienstag den 16.12., wird es um 19.45 Uhr im Raum A5 0-056 der Uni Oldb. ein erstes Treffenfür alle Interessierten geben.

Es gibt Kuchen.

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  1. David

    hey, super Idee mit dem Journal, das! Ich hatte ja dieselbe Befürchtung (Archiv) bezüglich meiner BSc-Arbeit, aber nach Veröffentlichung im Internet bekam ich sogar eine Anfrage für eine Beratertätigkeit, naja, Informatik statt Sozialwissenschaften wohl. Wobei der volkswirtschaftliche Bedarf sicher nicht das einzige Kriterium für die Daseinsberechtigung einer Diszplin sein sollte!

  2. Ben

    Leider müssen sich die meisten SoWi Studierenden die ich kenne damit abfinden, dass ihr Studium ihnen nur ein paar nützliche Soft Skills beigebracht hat, weil sie mit der Theorie der Symbolischen Interaktionen im Berufsleben leider herzlich wenig anfangen können. Ich habe auch darüber nachgedacht, meine BA-Arbeit im Netz zu veröffentlichen, aber ein Freund hat mich deshalb angepflaumt und gemeint, dass ich mich besser als „Unternehmer meiner selbst“ verstehen sollte. Danach habe ich mir die theoretischen Grundzüge der Wissensökonomie angelesen und mich entschlossen, selbst was auf die Beine zu stellen.
    Das Treffen gestern war echt gut. Wir sehen uns im Januar wieder und machen dann schon das erste Thema und den Call for Papers klar 🙂

  3. Ben

    Und danke für deinen Zuspruch 🙂

  4. Auch ein studentisches Publikationsmagazin aus Halle:
    http://wirsozn.de/archives/21

  5. Gute Idee. Kürzere Beiträge zur Soziologie, Politik und den Medienwissenschaften veröffentliche ich auch gerne mal in meinem Blog. Vielleicht kann ich ja auch einen Beitrag in eurem Magazin bringen.




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