Messina und die Brücke

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„Doch schon kündigte sich die nächste Gefahr an, denn aus der Ferne vernahmen sie das Donnern von Charybdis. Dies war ein gefährliches Ungeheuer, das dreimal täglich die Meeresflut bis auf den Grund einschlürfte. Schiffe, die sich ihr näherten, wurden ebenfalls von ihr verschluckt. Ihr gegenüber befand sich Skylla, ein Meeresungeheuer mit weiblichen Oberkörper und sechs wilden Hunden als untere Körperhälfte. Als sie nun Charybdis auswichen, kamen sie Skylla zu nahe. Diese packte sich mit einem Griff gleich sechs der Gefährten und zermalmte sie. Mit Grauen hörte Odysseus die jammervollen Schreie der Unglücklichen und vergaß nie diesen schrecklichen Anblick“ (Die Odyssee, „Die Sirenen – Skylla und Charybdis„).

Die Meerenge zwischen Messina und Kallibrien ist schon den Seefahrenden der Antike nicht geheuer gewesen, und das aus gutem Grund. Es handelt sich um eine 3 Kilometer breite Wasserstraße, die von der Kontaktzone der eurasischen und der afrikanischen Kontinentalplatten quer durchlaufen wird. Durch die Bewegung der beiden Platten ist es vor genau 100 Jahren im Jahr 1908 zu einem unterseeischen Erdrutsch gekommen, in dessen Folge die beiden sich gegenüber liegenden Städte Messina und Reggio Calibria durch einen Tsunami nahezu vollständig zerstört wurden. In beiden Städten wurden zehntausende Menschen verletzt und getötet sowie der Großteil des architektonischen Erbes dem Erdboden gleich gemacht.

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Ein Erdbeben kann in dieser Region wieder auftreten, weil die beiden Kontinentalplatten sich fortwährend bewegen und der Meeresgrund bei Messina ständig rumort. Nichtsdestotrotz treibt die gegenwärtige italienische Regierung derzeit verstärkt ein Projekt vorran, durch das Sizilien und das italienische Festland näher zusammenrücken sollen. Es soll eine Brücke gebaut werden, die hinsichtlich der Länge und der Art und Weise der Konstruktion ein neuer Rekord und ein völliges Novum darstellen wird.  Ihre Endpunkte sollen an den beiden vor 100 Jahren durch ein Erdbeben zerstörten Städten Messina und Reggio Calibria liegen. Wegen der Erdbebengefahr können auf dem Meeresgrund keine Stützelemente angebracht werden, so dass sich die Brücke über die gesamten 3 Kilometer selbst tragen muss (eine fotorealistische Darstellung gibt es auf der Internetseite des Brückenfans Bernd Nebel). Bis 2016 soll diese Brücke fertig sein und in ihrem Einzugsgebiet die etwa 400 Fährbewegungen pro Tag  ersetzen. Nun könnte man einwenden, dass es überhaupt unsinnig sei, zwei strukturschwache Regionen durch ein so kolossales Bauwerk miteinander verbinden zu wollen. Allerdings soll die neue Brücke selbst Touristen anziehen, und so den beiden Städten, die im Moment eher als Durchgangsstation genutzt werden, neuen Reiz verleihen.

Aus ingenieurtechnischer und ggf. auch aus wirtschaftlicher Sicht ist die Brücke möglicherweise interessant, aber sollte man sie deswegen auch bauen? Eine feste Bebauung in dieser geologisch sehr dynamischen Region ist gefährlich, auch wenn die besondere Konstruktion dafür sorgen kann, dass sogar Schwingungen über 10 Meter etwa 30 Sekunden dauern würden und damit ungefährlich bleiben. Die Belastungen machen es aber notwendig, dass  ständig teure Wartungsarbeiten gemacht werden. Aber auch die ausgefeilteste Konstrukion wird einem Erdbeben wie vor 100 Jahren nicht standhalten können. Außerdem sprechen eine Reihe ökologische und gesellschaftliche Gründe gegen den Bau. Durch diese sehr große Brücke  würden einheimische Meerestiere vertrieben und Wanderungsbewegungen von Zugvögeln gestört. Die bis zu 6.000 Fahrzeuge (Maximalbelastung) sowie die Hochgeschwindigkeitszüge können zu erheblichen Lärm- und Lichtemissionen führen, was Menschen und Tiere in der direkten Umgebung beeinträchtigen wird. Darüber hinaus bestreiten in beiden Städten viele Menschen ihr Einkommen aus der Überführung von Touristen und Pendlern. Deren wirtschaftlicher Niedergang wird mit dem Brückenbau in Kauf genommen.

So sehr wie der Bau der Brücke inrastrukturell unnötig ist, so sehr ist er ökologisch schädlich und sozial unerwünscht. Profitieren werden hier die Bauunternehmen, die angeblich von der organisierten Kriminalität geleitet werden.  Warum die aktuelle Regierung des Landes das Projekt dennoch mit steigendem Druck vorantreibt? Vermutlich weil es kein Projekt für die Infrastruktur, sondern um eines für die nationale Selbstbehauptung Italiens ist. Die Überwindung der Lücke zwischen Sizilien und dem Festland ist über Jahrtausende nicht geglückt und erscheint erst heute möglich. Neben dem nationalen Narzissmus verbleichen die technischen, ökologischen und sozialen Schwierigkeiten, so dass zu befürchten ist, dass dieses unsinnige Bauwerk tatsächlich gebaut wird.

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  1. sacke

    Je länger ich drüber nachdenke, an dem Willen Milliarden dort zu versenken kann man sicher nicht zweifeln, daß aber die Sache ernsthaft umgesetzt wird, vielleicht täusche ich mich, aber das glauben nicht einmal weder die Pro-Politiker, aber auch nicht die Leute vor Ort. Tatsache ist, daß es für diesen Irrsinn keine Finanzierung gibt, außer die lächerlichen 1,3 Mrd, die Berlusconi grad aus den Schulen abgezogen hat. Soweit ich weiß gibts keinen Cent von der EU – meno male. Ich hoffe nur daß diese 1,3 nicht grade genug liefern, um die Landschaftszerstörung auf beiden Seiten an jeweils sensiblen Punkten sichtbar und endgültig zu begründen. Einen winzigen Teil dieser 1,3 für die Beschleunigung der Einschiffung der Züge die aus unerfindlichen Gründen immer erst eine halbe Stunde warten müssen. Auf der anderen Seite ist man Künstler und immer etwas ästhetisch korumpiert: Also man stellt sich vor ob nicht eine dann zusammengebrochene Brücke an der Meerenge, so mit kleinen Bäumchen besetzt, ob das nicht ein großartiges Spektakel abgeben kann, das sich tiefer auf das Schauspiel, welches die Natur an einer der erhabensten Ecken Europas gratis liefert, könnte reimen.




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