Archive for the ‘Gedanke’ Category


Die Menschen in modernen (oder bessser: postmodernen) Gesellschaften können ihren Alltag nicht ohne Technologien bewältigen … wenn das stimmt, bedeutet es, dass sozialwissenschaflichen Theorien sich auch mit Technik beschäftigen müssen, bspw. wenn sie nach sozialen Prozessen wie Sozialisation, Liebesbeziehungen, Altern, etc. fragen. In der Untersuchung sozio-technischer Prozesse kann man meiner Meinung nach aber nicht zu dem Schluss kommen, dass man für oder gegen Technik ist, denn die zu stellenden Fragen lauten „Was ist Technik?“, „Was vermag sie?“, „Wer ist der Mensch, der in einer technischen Welt lebt?“ und „Welchen Gebrauch macht er von Technik?“. Diese scheinbar einfachen Fragen bedeuten, dass die bisher gegebenen Antworten unzureichend oder falsch sind. Denn Technik ist keineswegs ein neutrales „Instrument“, bei dem es bloß darauf ankommt, sie auf eine bestmögliche Weise zu benutzen. Dieses alten Denkschemata wird von jenen AutorInnen verbreitet, die bloß utopische Hoffnungen oder dystopische Ängste mit Technik verbinden … und sie liegen deshalb daneben, weil sie sich nicht dafür interessieren, wie Technik überhaupt benutzt wird.

Neue Medien zeigen uns, dass unsere Sinne durch Technik erweitert werden könnten. Doch statt die Technik auf diese Weise nutzbar zu machen, werden solche erweiterten Sinnspektren als „artifiziell“ und „entfremdet“ wahrgenommen. Etwas „Authentisches“ gehe verloren, so die gängige Kulturkritik … doch ich würde behaupten, dass die Chancen, die uns durch Maschinen gegeben sind, noch gar nicht richtig genutzt werden. Stattdessen werden Medien stets zur Einengung benutzt, und dies bezieht sich nicht „nur“ auf Medien, sondern auch auf Textverarbeitungs- und Buchhaltungsprogramme wie Excel, Word, SPSS, SAP, etc. pp. (vgl. M. Streeruwitz im Interview mit rebell.tv). Technik schult unsere Wahr-nehmungen, und wenn Menschen und Technologien ihre Möglichkeiten nutzen würden, könnten diese Wahrnehmungen tatsächlich vertieft und geschärft werden. Manchmal tun sie dies bereits, bspw. indem sie bestimmte Menschen mit kausal und zeitlich weiter entfernten Handlungsfolgen konfrontieren: (Fernseh-)berichte aus den armen Ländern, die unter Dürren, Hungersnöten und politischer Instabilität leiden, zeigen, in welchem Verhältnis „wir“ zu „ihnen“ stehen, wer „wir“ also sind. So stellen sie „unsere“ gesellschaftlichen Repräsentationen in Frage, indem diese dem eigentlich Fernen ausgesetzt werden, so als ob es nahe wäre … das hat mit einer Normalisierung des Elends meines Erachtens wenig zu tun. Ethik und Alltag der Zuschauern werden herausgefordert und auf die Probe gestellt. Jedoch muss bei den Zuschauern auch der Wille da sein, sich herausfordern zu lassen, also nicht nur nach Bestätigung zu suchen. Wenn es also eine Verantwortung im „Medienzeitalter“ gibt, so liegt diese bei den Medienmachern und bei den Zuschauern.

Was ist also Wahrheit? Was Realität? Wenn diese Dinge konstruiert sind (wovon man nicht unbedingt ausgehen muss), so muss vor dieses „konstruiert“ keineswegs ein „nur“ geschrieben werden … denn die Konstruktionsleistungen sind es, was den Menschen ausmacht. Er ist nicht das sprachliche Wesen, nicht das vernünftige Tier und auch nicht das einzige Wesen, das Werkzeuge benutzt oder Rituale kennt. All diese Dinge tun auch nicht-menschliche Tiere. Der Mensch ist aber das einzige Welt-erfindende Wesen: Das Wesen, das in der Lage ist, sich eine künstliche und symbolische Umgebung zu schaffen (dies bezieht sowohl  auch auf gesellschaftliche Tatsachen als auch auf technische Objekte). Realität ist, was Individuen/Gesellschaft/die menschliche Gattung als „künstliches Wesen von Natur“ hervorbringen … und so wird alles zur Fiktion. Diese Fiktion arbeitet mit dem Material, das von Menschen vorgefunden wird und das weder rein natürlich,  noch bloß technisch oder gesellschaftlich ist. Dieses Material ist hybrid, und es wurde immer bereits von anderen Menschen bearbeitet und geformt (es gibt keine „Wildnis“, sondern „nur“ ein kommunikatives Angebot darüber, was Wildnes ist) so dass sich ein Netzwerk spinnt zwischen gegenwärtigen und bereits vergangen Generationen („Menschen sind aus Menschen gemacht“ Dietmar Dath), den nicht-menschlichen Wesen und den Dingen.

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Who is it?

Geliehen #2

„Wir haben die Welt von unseren Kindern geliehen.

Von zurückgeben hat keiner was gesagt.“

Otto Waalkes – Der Außerfriesische

Wall·e trifft Eve – eine Handarbeit von audreym

Gestern habe ich mir im Kino den neuen Pixar-Film angesehen. Die Story ist schnell erzählt: Im 22. Jahrhundert arbeitet „Wall·e“, ein Roboter klassischen Zuschnitts, als Schrottpresse auf der menschenleeren Erde. Der Planet starrt vom Müll der industriellen Produktion, und also hat der Müllroboter eine Menge zu tun. Die Menschheit ist schon lange auf ein riesiges Raumschiff ins All geflüchtet und wird dort von Robotern und Computern umsorgt. Von dort wird die Sonde „Eve“ auf die Erde geschickt, wo sie die Möglichkeiten zur Wiederbesiedlung erkunden soll. Die beiden Maschinen verlieben sich ineinander, er folgt ihr auf dem Rückweg zum Exil der Menschheit. Es stellt sich heraus, dass die Robotor und Computerprogramme des Raumschiffes dort die vollständige Kontrolle über die Menschen haben und diese mittels Fast-Food und Television künstlich am Leben erhalten. „Wall·e“ und „Eve“ wecken bei den Menschen die Sehnsucht nach dem Heimatplaneten, worauf hin diese ihre technologischen Herrscher besiegen und zur Erde zurück kehren. Dort beginnen diese ein  neues und umweltfreundliches Leben als Landwirte.

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Moderne Hirnforschungen stellen das traditionelle Konzept des freien Willens in Frage. Angeblich können WissenschaftlerInnen mit ihren Maschinen durch ein Experiment feststellen, welche Entscheidung ein Mensch treffen wird, noch bevor er oder sie selbst bewusst darüber nachgedacht bzw. einen Entschluss formuliert hat. Den Gegnern dieser Haltung geht langsam die Luft aus – denn sie können ihre Argumente nicht mit so glaubwürdig erscheinenden Ergebnissen aus Experimenten und Studien stützen.

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was …

Was müsste eigentlich geschehen, damit die Konferenz in Bonn zu einem Erfolg erklärt werden kann?

Durch die schreckliche Situation in Myanmar lassen sich viele Mitmenschen zu schlauen und weniger schlauen Kommentaren hinreissen. Die einen fordern einen kriegerischen Feldzug gegen das kleine Land während die anderen „rein humanitäre“ Ziele verfolgen wollen. Wieder Andere hingegen finden, dass noch viel zu wenig darüber berichtet wird, und nehmen vor allem die Blogger in die Pflicht. Ich fühle mich davon angesprochen, und gebe hiermit meinen Senf dazu ab.

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Heute haben sich bereits viele soziale und berufliche Gruppen mit ihrer eigenen Rolle während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft auseinandergesetzt. Sogar das BKA ist dabei. Es geht dabei aber nicht darum, die Geschichte im Sinne einer „Vergangenheitsbewältigung“ abzuwickeln, sondern sich für das im eigenen Namen geschehene Unrecht „politisch verantwortlich“ zu zeigen. Diese Verantwortung besteht nicht gegenüber einer objektiven Vernunft oder Autorität (zum Beispiel „Gott“) – sie nimmt dich gegenüber dem „Zustand der Welt“ in die Pflicht, der durch individuelle und gemeinsame Handlungen beeinflusst werden kann. Die Erinnerung an ein Ereignis wie die Bücherverbrennung kann ein Zeichen der politischen Verantwortung sein – sie muss dafür aber von einer sich verantwortlich fühlenden Gruppe übernommen werden. Hannah Arendt konkretisierte den Begriff der politischen Verantwortung vor 40 Jahren in einem Vortrag:

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Die simpelste Darstellung eines zeitlichen Verlaufes könnte so aussehen: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Dieser Moment ist die Gegenwart, in ihm ist die komplette Vergangenheit enthalten und die beiden ergeben zusammen die Zukunft. Jetzt getroffene Entscheidungen und ausgeführte Handlungen mögen zwar von der Vergangenheit beeinflußt sein, aber sie werden dennoch dafür sorgen, dass sich die Zukunft an ihnen ausrichtet.

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„Marx hatte die Kräfte des Kapitalismus als vampirisch bezeichnet“ weil sie „versuchen alles Lebendige der Wertform zu unterwerfen.“1 In der Wertform erscheint das Lebendige nicht mehr als fleischig-blutiges Lebewesen, sondern als kalte, „tote“ Masse, die vom Kapitalismus penetriert wurde.

Wenn ich heute versuche, die Pole Kapitalismus und Vampirismus zusammenzubringen, so muss ich versuchen, folgendes Problem zu beachten. Kapitalismus bedeutet Rationalität ohne Mythos, oder? Man setzt verschiedene Anbieter einer Ware (Und ganz nebenbei: Alles ist Ware, selbst deine Gesundheit2) in Konkurrenz zueinander. Der Vampir ist dagegen eine mythische Gestalt, sie existiert nicht und ist Fiktion. Und beide Konzepte sind haben wir uns ausgedacht.

Wir sind Menschen. Einige Menschen behaupten, dass unsere Religionen durch den Kapitalismus abgelöst wurden. Früher konnte uns der religiöse Glaube durch das Versprechen des ewigen Lebens im Jenseits über das Wissen um die eigene Sterblichkeit hinwegtrösten. Heute sieht die ganze Sache anders aus. Wie gesagt, behaupten manche, dass die Bewohner der westeuropäischen Länder heute weniger religiös sind als früher. Wenn wir annehmen, dass das stimmt, dann lässt uns vermutlich heute etwas anderes als die Religion den sicheren Tod vergessen.

Der Kapitalismus verspricht uns einiges: Ein tolles Auto, die „besten“ Wohnungen (zum Beispiel am Prenzlauer Berg), zu jeder Saison das passende Outfit, Wellness-Urlaub in der Südsee, jeden Tag eine neue Innovation – alles im Dienste des Konsumenten. Die Versprechungen der diesseitigen Welt lassen das Wissen um den eigenen Tod zur Ahnung werden – oder verniedlichen es zum neuerlichen Konsumspaß. Der vampirische Treibstoff des Kapitalismus besteht heute aus 2 Komponenten:

  • Wachstum als Verheißung: Du kannst des Tod vergessen, denn der Kapitalismus erlaubt dir, einen großen Teil der Welt zu konsumieren.
  • Die Welt aussaugen: Du kannst z.B. Kontinente erobern, und den Boden (oder das „Humankapital“ in finanzielle Energie umwandeln.

Diese beiden Elemente führen bei den „verwandelten“/“infizierten“/vampirischen Menschen zu seelischer Unruhe, weil erstens ihr metaphysisches Bedürfnis – eine anthropologische Konstante (?) – unbefriedigt bleibt und sie eine beschleunigte Zuführung des Treibstoffes brauchen.